Die Idee von Live Nation, 5G-Konzerte zu veranstalten, ist meine persönliche Hölle

Die Idee von Live Nation, 5G-Konzerte zu veranstalten, ist meine persönliche Hölle

Der in Beverly Hills ansässige Veranstalter Live Nation hat sich mit dem Siliziumgiganten Qualcomm zusammengetan, um 5G in das Live-Musik-Erlebnis einzubringen. Für diejenigen, die Menschen verachten, die Konzerte auf ihren Smartphones filmen, klingt die Zukunft der Live-Konzerte wie eine Show, für die ich kein Ticket haben möchte.

Qualcomm-Chef Cristiano Amon sagte während seiner Keynote-Präsentation auf der IFA 2020 in Berlin: "Die gemeinsame Erfahrung, die Sie bei einer Live-Show machen, wird Ihnen für immer erhalten bleiben, und das wird nicht verschwinden". Nachdem ich jedoch gesehen habe, was für diese neue, 5G-fähige Erfahrung geplant ist, bin ich mir da nicht so sicher.

Einer der ersten Veranstaltungsorte für diese neue Art von Konzert wird das Sportpaleis in Antwerpen, Belgien, sein. Qualcomm richtet die Infrastruktur ein, um mmWave für die Besucher der Shows auf mobile Geräte zu bringen und so das Live-Musik-Erlebnis zu verändern.

In einem Teaservideo, das auf der Bühne gezeigt wurde, sahen wir Musikfans, die Smartphones hochhielten, um Augmented-Reality-Kreaturen zu zeigen, die von der Bühne kommen - verkauft als "Erweiterung der Vision des Künstlers über die Bühne hinaus" - sowie eine EQ-ähnliche App namens Soundboard, mit der die Besucher den Sound der Show neu mastern können, wenn ihnen nicht gefällt, was der Tontechniker sich vorgenommen hat. Dazu muss man natürlich dastehen und sich die Show mit Kopfhörern anschauen. "Das ist eine ganz neue Art, über Live nachzudenken", sagt Jackie Wilgar, SVP Marketing International bei Live Nation.

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Mit 5G könntet Ihr AR bei Live-Musikveranstaltungen erleben. / © Qualcomm (Bildschirmfoto: NextPit)

Für mich als jemand, der sich bereits über die Smartphone-Nutzung bei Live-Konzerten aufgeregt hat, war dies alles ein ziemlich beunruhigender Anblick. Ich verstehe sowieso nicht wirklich, warum die Leute Auftritte filmen. Die Tonqualität, die sie aufnehmen, wird schrecklich sein, und ich schaue mir lieber einmal mit meiner vollen Aufmerksamkeit den echten Auftritt an, als tausendmal ein Smartphone-Video. Ich vermute aber, dass sich sowieso nie jemand seine Gig-Videos wirklich noch mal anschaut. Das ist einfach etwas, was jüngere Musikfans tun. Die Angst, die Erfahrung nicht eingefangen zu haben. Oder einfach nur, um zu beweisen, dass man da war. Etwas, womit man in sozialen Medien prahlen kann.

Ich bevorzuge den Jack-White-Ansatz für Telefone bei Auftritten

Die Nachricht wird wahrscheinlich dazu führen, dass Jack White, der bekanntlich kein Handy besitzt, sein Vernors Ginger Ale ausspucken wird. Die White Stripes, die Raconteurs und der Sänger/Gitarrist/Drummer von Dead Weather haben im vergangenen Jahr bekanntlich für Aufsehen gesorgt, indem sie in die völlig entgegengesetzte Richtung gingen und Smartphones aus ihren Shows verbannten.

Fans, die Jack-White-Gigs besuchten, mussten ihre Telefone beim Betreten des Veranstaltungsortes in verschlossenen Beuteln aufbewahren. Eine Firma namens Yondr stellte die Technologie zur Verfügung. Sobald Ihr Euer Telefon in die Tasche gesteckt habt und hineingeht, wird die Tasche verschlossen. Ihr könnt das Telefon natürlich immer noch bei euch tragen, aber um es benutzen zu können, müsst Ihr nach draußen gehen und es auf einen Entriegelungssockel klopfen.

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Ein persönliches Soundboard bei einem Live-Konzert? Nein danke, ich vertraue dem Tontechniker. / © Qualcomm (Bildschirmfoto: NextPit)

White sagte damals: "Zuerst dachte ich, es sei ein großes Kunstprojekt, um zu sehen, ob die Leute es lustig oder cool finden würden." Trotz einiger anfänglicher Empörung war das Feedback der Fans, die die Shows besuchten, positiv. White ging so weit zu sagen, dass "alle es geliebt haben". Es ist irgendwie schade, dass man die Möglichkeit, sein Smartphone zu benutzen, abschaffen muss, damit die Leute es zu schätzen wissen, im Moment zu sein, aber wenn ein wenig Ermutigung ausreicht, um Gigs Smartphone-frei zu machen, bin ich voll und ganz dafür.

Und doch scheint es, dass sich die Branche in die entgegengesetzte Richtung bewegt. Sicher, damit diese Live Nation/Qualcomm-Partnerschaft funktionieren kann, ist ein großer Veranstaltungsort mit der richtigen Infrastruktur und dem Budget für die Implementierung von mmWave 5G erforderlich, und das könnte die rettende Gnade für Live-Musik-Fans wie mich und Jack White sein. Es ist unwahrscheinlich, dass ich in nächster Zeit jemanden mit Kopfhörern sehen werde, der im SO36 in Kreuzberg sein eigenes persönliches Tonpult aufbaut - falls wir jemals wieder Live-Musik sehen werden.

Aber da 5G die Pyramide nach unten filtert und immer breiter verfügbar wird, ist eine Zukunft möglich, in der diese "neue Live-Musik-Erfahrung" in den kleineren Veranstaltungsorten, die ich und viele andere gerne besuchen, Realität wird. Ich hoffe nur, dass meine Gig-Tage vorbei sind, bevor dies geschieht.

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5 Kommentare

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  • Ich würde mir da keine Sorgen machen, sowas ist eine Spielerei für ein gutes Dutzend Megastars, die große Arenen füllen. Für Locations wie das SO 36 wird das nicht kommen. Zumal ich mir sehr sicher bin, dass nicht nur Jack White sowas ablehnt, sondern auch so gut wie alle Künstler und Bands die dort auftreten. Das SO 36 ist ja nun schon sowas wie das CBGB's Berlins, da weiß man, was man den Fans zumuten kann und was nicht.


  • Wow, ich bin zwar kein Konzertgänger, aber full ack.
    Wenn man denn mal eine große Veranstaltung besucht, nerven diese ganzen Handyhochhalter extremst. 5G nervt mich allerdings auch bald so sehr, dass ich das rein aus Protest schon gar nicht mehr haben möchte. Wozu auch? Daheim 100mbit, und unterwegs reicht (ein gut ausgebautes) 4G für gute Videoqualität völlig aus.
    Und jetzt wollen die beide nervigen Dinge vereinen. Na herzlichen Glückwunsch, dass euch echt nix besseres einfällt. 5G zu vermarkten scheint echt eine A-lochaufgabe zu sein :D

    Daumen hoch für den sich selbst verschließenden Beutel.


  • Habe ein wenig das Gefühl, "5G" ist das nächste Buzzword, nachdem "AI/KI" nicht mehr so wirklich zieht, weil‘s aufs lächerlichste ausgeschlachtet wurde ^^


  • Tja, einfach die richtige Musik hören, wo es noch um die Musik geht und nicht um das Event :-D da würde einem das Smartphone ohnehin direkt aus der Hand fallen.


    • Also, wenn ich auf ein Konzert gehe, dann tue ich das erst in zweiter Linie wegen der Musik (die mir natürlich gefallen muss, klar) und schon gar nicht wegen der Soundqualität, sondern primär wegen der Stimmung und des Event-Charakters.
      Das kann ich alles nicht mit einem Smartphone einfangen und will es auch gar nicht, ich will den Moment erleben und genießen.

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