Bevor wir tiefer einsteigen: Was triggert Euch eigentlich mehr? Dass ich Stranger Things in der Überschrift als die beste Netflix-Serie aller Zeiten bezeichne? Dass ich die Frage stelle, ob sie fortgeführt wird? Oder vielleicht doch das Artikelbild mit einem erwachsenen, nicht gerade drahtigen Mann, der mit den Kids D&D spielt?
Unabhängig davon, was Euch gerade beschäftigt, führt kein Weg daran vorbei: Die Geschichte der Kids aus Hawkins ist erst einmal auserzählt, Punkt. Wobei – ganz so eindeutig ist es dann vielleicht doch nicht.
Ein kurzer Hinweis, bevor Ihr weiterlesen solltet: Spoiler lassen sich hier nicht vermeiden. Wenn Ihr die finale Staffel von Stranger Things noch nicht gesehen habt, solltet Ihr an dieser Stelle abbrechen. Außerdem: Wer eine minutiöse Analyse jeder Szene dieser rund zweistündigen Achterbahnfahrt erwartet, wird hier nicht fündig. Es geht mir vielmehr um eine persönliche Einordnung – darum, wie sich das Finale und die Serie als Ganzes für mich angefühlt haben.
Also für mich ganz allein, nicht abgeglichen mit Millionen Medien, YouTube-Videos oder Menschen in den sozialen Medien. Deswegen will ich hier nicht jede Szene des Finales zerlegen. Für mich geht es um etwas anderes: darum, was Stranger Things für mich bedeutete – und immer noch bedeutet.
- Lest dazu gerne auch: Ist der Hype um Stranger Things überhaupt noch da?
Das Ende ist offen, oder?
Mein Gefühl nach der letzten Folge ist eine sehr spezifische Mischung: Da ist die Akzeptanz, dass selbst die besten Geschichten irgendwann enden müssen. Gleichzeitig bleibt eine Traurigkeit zurück, weil sich dieser Abschied anfühlt, als würde man enge Freunde auf unbestimmte Zeit verlieren.
Doch ist es wirklich ein endgültiger Abschied? Die Duffer-Brüder haben – abseits der animierten Serie Tales from ’85) auffällig viele Türen offen gelassen. Elfis Geschichte endet nicht eindeutig, keiner der zentralen Charaktere stirbt, und selbst der Mindflayer wirkt nicht wie ein abgeschlossenes Kapitel. Wer sagt eigentlich, dass dieser Weltenverschlinger der einzige seiner Art war? Theoretisch könnte längst der nächste unterwegs zur guten, alten Erde sein.

Auch das letzte Bild der Serie wirkt wie ein bewusst gesetzter Fingerzeig: Mike blickt im Keller auf eine neue Generation von Kids am D&D-Tisch. Ein möglicher Ausgangspunkt für einen Ableger, der sich auf jüngere Figuren konzentriert, wird damit zumindest angedeutet.
Ich gebe zu: Ein Teil von mir ist neugierig, ob aus solchen Ansätzen irgendwann mehr wird. Gleichzeitig macht mir genau das Sorgen. Denn offene Enden laden auch dazu ein, ein Franchise künstlich am Leben zu halten. Mit der richtigen Idee und echtem Respekt vor dem Original kann das funktionieren. Aber wenn am Ende nur ein lieblos produzierter Sequel-Abklatsch entsteht, wäre das nichts anderes als das Leichenfledderei, das Ausschlachten einer großartigen Serie.
Die 80er waren nicht nur ein Setting, sie waren ein Gefühl
Bevor ich mich endgültig am Serienende abarbeite, muss ich noch etwas Persönliches loswerden. Meine Beziehung zu Stranger Things hängt untrennbar an der Zeit, in der die Serie verortet ist. Schon mit der ersten Folge hatte ich nicht das Gefühl, eine Serie über die Achtziger zu sehen. Es wirkte vielmehr so, als wäre sie direkt aus dieser Ära zu uns herübergerettet worden.
Natürlich ist die technische Umsetzung eine andere, moderner, präziser. Aber die Art, wie Bilder komponiert werden und wie die Geschichte atmet, hat mich sofort an meine eigene Jugend erinnert. Mitte der Achtziger zog bei uns ein Videorekorder ein. In einer Fernsehwelt mit drei Programmen und gerade erst entstehenden Privatsendern fühlte sich dieses Gerät wie pure Magie an.
Auf einmal öffnete sich ein ganzes Universum an Geschichten: E.T., Die Goonies, Stand by Me, die Filme von John Hughes, Zurück in die Zukunft – all das hat mich damals komplett in den Bann gezogen. Und genau dieses Gefühl kehrt zurück, wenn ich Stranger Things schaue. Für einen Moment sitze ich wieder als Teenager im Wohnzimmer meiner Eltern und lasse mich von fantastischen Welten einsaugen.
Die Geschichte der Kics ist auch Teil meiner eigenen
Auf einmal bin ich wieder der Jugendliche, der mit der Musik dieser Zeit aufgewachsen ist. Entsprechend hart traf mich das Finale, als Prince „Purple Rain“ und David Bowie „Heroes“ anstimmten. All das erinnert mich daran, dass die Achtziger eben nicht nur aus Neonfarben, Schulterpolstern und Zauberwürfeln bestanden, sondern – wie die Serie ebenfalls zeigt – beispielsweise auch aus der allgegenwärtigen Angst vor dem Kalten Krieg.
Eine weitere Parallele zur Serie betrifft meine eigenen Rollenspieljahre. Dungeons & Dragons war fester Bestandteil unserer Wochenenden. Wir saßen stundenlang zusammen, Sonntag für Sonntag, bis irgendwann abends die Zimmertür aufging und vorsichtig nachgefragt wurde, wie lange wir denn noch vorhatten zu spielen.
Klar: Mit realen Demogorgons oder geheimen Forschungseinrichtungen hatten wir es damals nicht zu tun. Aber im Kern fühlt sich die Geschichte der Kids aus Hawkins für mich trotzdem vertraut an. Die Duffer-Brüder haben die Achtziger mit einer Liebe zum Detail rekonstruiert, die diese Zeit für mich wieder greifbar macht. Stranger Things ist keine Serie mit aufgeklebter 80s-Optik – sie trägt dieses Jahrzehnt in sich, Szene für Szene.
Warum es für mich ein gutes Ende war
Gab es Punkte, mit denen ich gehadert habe? Absolut. Gerade im finalen Showdown war die Plot-Armor kaum zu übersehen. Über weite Strecken hatte ich das Gefühl, dass unsere Held:innen erstaunlich glimpflich davonkommen. Der Kampf selbst war zeitlich gut austariert, keine Frage. Inhaltlich hätte es für mich aber deutlich schmerzhafter sein dürfen. Wer es mit einer Entität aufnimmt, die ganze Welten verschlingt, sollte einen höheren Preis zahlen müssen.
Auch Vecna wirkte auf mich weniger bedrohlich als noch in Staffel 4. So sehr ich die Hintergrundgeschichte um Henry Creel schätze, bleibt ein fader Beigeschmack: Zentrale Details seiner Vergangenheit wurden nicht in der Serie selbst erzählt, sondern ins begleitende Theaterstück The First Shadow ausgelagert. Das fühlt sich unnötig fragmentiert an.
Trotzdem – und das ist entscheidend – liebe ich dieses Finale. Ich habe gelacht, ich habe geweint, ich habe mitgefiebert. Vor allem aber ist es ein Finale, das seine eigenen Versprechen ernst nimmt und konsequent einlöst.
Gehaltene Versprechen
Dustin ehrt Eddie in seiner Valedictorian-Rede mit D&D-Anspielungen, während Iron Maidens „The Trooper“ Eddies Geschichte zu einem würdigen, heroischen Abschluss bringt. Hopper erlebt erneut den vermeintlichen Verlust von Elfi – zerbricht diesmal aber nicht daran. Er entscheidet sich bewusst für das Leben. Joyce wiederum stellt sich ihrem Schmerz ein letztes Mal, besiegt Vecna und sichert damit ihr gemeinsames Happy End mit Hopper.
Jonathan rettet Steve vor dem tödlichen Sturz vom Funkturm, beendet damit endgültig ihre Rivalität und verwandelt zwei frühere Gegenspieler in echte Freunde. Und am Ende schließt sich der Kreis: Mike beobachtet, wie seine kleine Schwester Holly mit Freund:innen ihre erste D&D-Runde spielt. Ein leiser, versöhnlicher Moment, in dem Freundschaft, Fantasie und Abenteuer an die nächste Generation weitergereicht werden.
Genau diese eingelösten Versprechen sind es, die nachwirken. Sie bilden das emotionale Fundament der Serie – und sind der Hauptgrund, warum dieses Ende für mich aufgeht.
Ein wirklich gelungenes Finale
Auch abseits davon hat mich das fast zweistündige Finale überzeugt. Großartig etwa der kurze Moment, in dem es so wirkt, als könnte Will Vecna auf die gute Seite ziehen – und noch besser, dass sich die Serie letztlich dagegen entscheidet. Eine stark gespielte Szene, die genau die richtige Richtung einschlägt.
Es gibt viele Gespräche, die nicht wie Lückenfüller wirken, das Tempo nicht ausbremsen und trotzdem echte Entwicklung zeigen. Ein gutes Beispiel ist Steve, dessen Leben ausgerechnet von Jonathan gerettet wird. Der Epilog macht deutlich: Aus Rivalität kann Freundschaft werden.
Nicht jede:r wird es mögen, aber ich fand den langen Epilog genau richtig. Die Serie nimmt sich Zeit, um zu zeigen, wie es mit den Figuren weitergehen könnte. Besonders die letzte Szene im Keller bleibt hängen: Die alten D&D-Bücher wandern ins Regal, der Raum leert sich – und Will blickt zurück, während Holly, Derek und andere Kids Platz nehmen.
Sie übernehmen den Staffelstab, halten die Dungeons-&-Dragons-Fahne hoch und führen das weiter, was diese Serie immer ausgezeichnet hat. Unterm Strich ist das für mich ein starkes, rundes Finale – auch wenn nicht jeder Wunsch erfüllt wurde. Man darf nicht vergessen: Millionen Menschen lieben diese Serie, und Millionen hatten ihre ganz eigene Vorstellung vom perfekten Ende. Die Duffer-Brüder konnten unmöglich allen gerecht werden.
Der Kampf nach dem Kampf: Mein Finale gegen das Urteil des Internets
Damit komme ich zu einem Punkt, der etwas schwerer wiegt und nur indirekt mit Stranger Things zu tun hat. Ihr kennt das vermutlich: Man erlebt etwas ganz für sich. Das Finale einer Serie, auf das man jahrelang hingefiebert hat. In diesem Moment ist man allein mit seinen Emotionen, mit den Figuren, mit dem, was gerade passiert ist. Und dann beginnt fast sofort der zweite Akt – der Kampf gegen das Internet.
Plötzlich prasseln Meinungen, Analysen und Urteile auf einen ein. YouTube quillt über vor Dekonstruktionen, Social Media kocht hoch. Gefühlt begibt sich das halbe Netz auf eine regelrechte Schnitzeljagd nach Logiklöchern. Zwei Gedanken dazu, die ich nicht loswerde:
- In unserer Aufmerksamkeitsökonomie funktionieren Zuspitzung und Negativität schlicht besser. Laut vorgetragene Kritik bringt mehr Klicks, mehr Kommentare, mehr Reichweite als eine differenzierte oder gar wohlwollende Einordnung. Ein Verriss ist schneller produziert – und oft auch schneller konsumiert – als ein Lob.
- Gleichzeitig kann dieser Dauerbeschuss die eigene Wahrnehmung unterwandern. Der endlose Strom aus „Das Ende erklärt“-Videos und Artikeln, die vermeintliche Fehler sezieren, nagt am ursprünglichen Gefühl. Was sich direkt nach dem Abspann richtig und stimmig anfühlte, wird plötzlich infrage gestellt. Emotion wird durch Analyse ersetzt, Freude durch Zweifel.
Am Ende läuft alles auf eine bewusste Entscheidung hinaus: Vertraue ich meinem ersten, ehrlichen Empfinden – oder lasse ich mir dieses Gefühl von anderen zerreden? Ich habe mich für Ersteres entschieden. Dieses Jahr will ich ernsthaft versuchen, nicht immer sofort nach dem Haar in der Suppe zu suchen. Und ich wünschte mir, wir würden insgesamt etwas aus diesem Strudel negativer Viralität ausbrechen.
Elfi lebt, versprochen!
Die Duffer-Brüder haben das Schicksal von Eleven, aka Elfi, aka Jane, ganz bewusst offen gehalten. Fans sollten Raum für Hoffnung bekommen. Entweder lebt sie tatsächlich – oder sie existiert nur noch als eine Art emotionaler Anker für Mike und die anderen, um mit ihrem vermeintlichen Opfer umgehen zu können.
Ganz ehrlich? Für mich fühlt sich dieses Ende nur auf dem Papier offen an. Die Hinweise darauf, dass Elfi überlebt hat, sind für mich zu deutlich, um Zufall zu sein. Ich erkläre Euch, warum.
- Kalis Fähigkeit, perfekte Illusionen zu erschaffen, liefert den entscheidenden Schlüssel. Ein Soldat sagt sinngemäß: „Sie war eben noch hier beim Lastwagen.“ Einen Moment sitzt Elfi noch neben Mike, im nächsten ist sie verschwunden. Die naheliegende Erklärung: Sie ist gar nicht weg – wir sehen nur eine Illusion, aufrechterhalten von der sterbenden Kali.
- Auch weitere Details stützen diese Theorie. Elfi streckt die Hände aus, doch ihre Tätowierung ist nicht zu erkennen. Zusätzlich sehen wir ein kurzes, irritierendes Flackern einer Hand. Genau dieses visuelle Signal entlarvte schon früher in der Serie Kalis Illusion ihrer selbst.
- Nach Elevens vermeintlichem Opfer wird der Bildschirm kurz schwarz – und im Hintergrund ist ein leiser, einzelner Herzschlag zu hören. Ein solches Detail setzt man nicht ohne Grund. Für mich ist das ein klares Signal: Sie lebt.
- Hinzu kommt eine frühere Szene, in der Mike Elfi von einem fiktiven Ort aus einer RPG-Kampagne erzählt: ein friedliches Land mit drei Wasserfällen. Später sehen wir Elfi an einem ähnlichen Ort – allerdings mit nur zwei Wasserfällen. Vielleicht ein bewusster Hinweis darauf, dass sie sich absichtlich an einen Ort zurückzieht, an dem Mike sie nicht finden kann.
Elfi musste Hawkins verlassen, damit das Militär aufhört, sie zu jagen. Aber das bedeutet eben nicht zwangsläufig ihren Tod. Für mich steht fest: Sie ist noch da draußen. Irgendwo. Mittlerweile habe ich im Netz auch noch einen Punkt gelesen, der mir selbst gar nicht aufgefallen ist: Elfi muss ihre Augen verbunden haben, wenn sie in ihre Gedankenwelt eintaucht. Das tat sie, um sich von Mike zu verabschieden – aber ihre Augen waren nicht verdeckt.
Mein Fazit
Zeit für ein Fazit.
War das nun wirklich das endgültige Ende? Und ist Stranger Things tatsächlich die beste Serie aller Zeiten? Ehrlich gesagt: Diese Fragen müssen wir hier gar nicht beantworten. Sie sind letztlich nebensächlich – und waren es eigentlich schon immer. Denn darum ging es bei dieser Serie nie.
Das stärkste Bild des Finales ist für mich der Moment, in dem die Freundesgruppe ihre letzte D&D-Runde beendet, das Regelbuch zurück ins Regal stellt und gemeinsam die Treppe nach oben geht – hinaus in die reale Welt. Still, beinahe unspektakulär, und doch unglaublich kraftvoll. Es steht für das Ende der Kindheit und den Abschied von einer prägendsten Lebensphasen. Gleichzeitig schließt sich der Kreis, weil die Serie genau an dem Punkt endet, an dem sie in der allerersten Folge begonnen hat.
Stranger Things war dabei nie bloß eine Geschichte über Monster und das Übernatürliche. Im Kern ging es immer ums Erwachsenwerden in einer Welt, die zunehmend bedrohlicher und komplizierter wirkt. Diesen Kampf führen wir alle – ganz unabhängig von Demogorgons, Parallelwelten oder bewaffneten Soldaten.
Ich bin dankbar für diesen fast zehnjährigen Trip. Gerade in schwierigen Zeiten war die Serie perfekter Eskapismus und zugleich eine Art Zeitmaschine zurück in die Achtziger. Wer genauer hinsah, konnte dabei viel mitnehmen: darüber, wie man Geschichten erzählt, welche Werte wirklich tragen – und vor allem darüber, was Freundschaft bedeutet.
Mit einem ziemlich guten Gefühl schlage ich dieses Stranger-Things-Kapitel nun zu und nehme es mit ins frische Jahr 2026. Als Erinnerung daran, mehr Positives zuzulassen, öfter zusammenzuhalten statt zu spalten – und echte Freundschaften nicht als Selbstverständlichkeit zu betrachten.