Das Nokia 9 PureView ist vielleicht nicht das revolutionärste und schickste Smartphone auf dem Markt, aber es ist makellos verarbeitet und robust. Mein Kollege David, der es gleich nach seiner Ankunft in der Redaktion über unseren Testparcours getrieben hat, ließ es bereits versehentlich fallen, doch Spuren zeigen sich nicht. 

Der Metallrahmen mit Diamantschliffkante ist griffig und dank der Krümmung des rückseitigen Glases liegt das Smartphone gut in der Hand. Das Frontglas wiederum ist völlig flach. Das sieht vielleicht nicht so schick wie bei einem Huawei P30 Pro oder Samsung Galaxy S10+ aus, aber verhindert immerhin versehentliche Falscheingaben, die durch die Krümmung leicht passieren können.

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Das Zeichen des Sturzes sind praktisch nicht zu sehen. / © NextPit Bildquelle: NextPit

Wirklich bemerkenswert ist das Fehlen eines Kamerabuckels. Lediglich der Rand des LED-Blitzes lässt sich hinten ertasten. Allerdings ist das Nokia 9 PureView auch recht rutschig, lass es also lieber nicht auf einer noch so leicht schrägen und glatten Oberfläche liegen – wie der Kollege David.

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Die Tatsache, dass die Kameras nicht herausragen, ist fantastisch! / © NextPit Bildquelle: NextPit

Android One ist die richtige Wahl, oder fast …

HMD Global setzt bei der Software des Nokia 9 auf Android One. Aber ist das bei einem High-End-Smartphone wirklich eine gute Wahl? Auf jeden Fall gibt es damit eine Update-Garantie und das Fehlen von überschüssigen Drittanbieter-Apps begrüße ich immer. Lediglich die Service-Zentrale von HMD Global (My Phone) und die Kamera-App sind vorinstalliert und fest im System verankert. Auch die Lightroom-App zum Bearbeiten von RAW-Fotos ist schon auf dem Gerät, lässt sich aber auf Wunsch vollständig deinstallieren.

Allerdings fehlen mit Android One auch Zusatzfeatures, die andere Hersteller mit einer eigenen UI auf die Geräte bringen und ein Herausstellungsmerkmal fehlt dem Nokia 9 damit an dieser Stelle. Ich persönlich bin ein Fan von purem Android, aber das bleibt ja eine Frage des Geschmacks. 

Entsperren wird zum Problem

Kommen wir zum ersten großen Problem beim Nokia 9. Die Gesichtserkennung ist reichlich langsam und dauert im Vergleich zur Konkurrenz, wo ebenfalls nur über die Frontkamera entsperrt wird, eine gefühlte Ewigkeit – und ist dann noch wirkungslos bei schlechtem Licht. Der in das Display integrierte Fingerabdrucksensor ist ebenfalls so langsam, dass es einfacher und schneller ist, den Power-Button zu drücken, nach oben zu swipen und anschließend ein kompliziertes Entsperrmuster einzugeben. 

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Freundet Euch lieber wieder mit dem guten alten Entsperrmuster oder der PIN an. / © NextPit Bildquelle: NextPit

Da hätten wir uns lieber den Sensor auf der Rückseite, wo ja aufgrund der ganzen Kameras wenig Platz ist, oder einen in den Power-Button integrierten Fingerabdruckleser gewünscht. 

Das größte Versprechen ist auch die größte Enttäuschung

PureView: Das war der Markenname der finnischen Marke für Smartphones, die mit der für das Unternehmen fortschrittlichsten Kamera ausgestattet sind. Das Nokia 808 und Nokia Lumia 1020 sind nach wie vor Meilensteine in der Smartphone-Fotografie und sind zu einer Legende für Enthusiasten geworden, aber auch das Lumia 920 gehörte dazu.

Nokia 9 PureView hat daher ein schweres Erbe anzutreten. Leider konzentriert sich der Wettbewerb in der Welt der Smartphones 2019 vor allem auf die Qualität der aufgenommenen Bilder und verschiedenste Aufnahmemöglichkeiten. Und dieser Wettbewerb ist hart und kann tödlich sein, wenn man nicht mitzieht.

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Das Fotografieren mit dem Nokia 9 PureView erfordert Geduld – zu viel Geduld. / © NextPit Bildquelle: NextPit

Nokia 9 montiert fünf 12-Megapixel-Sensoren (3 RGB und 2 Monochrom) mit gleicher Brennweite auf die Rückseite, um möglichst viele Bild-Informationen zu sammeln. Die werden dann von der Software zusammengetragen und verarbeitet, um Material für professionelle Bearbeitung zu liefern. Zumindest war dies das Versprechen von HMD Global.

Nicht alles Gold, was glänzt

Aber leider ist in der Realität nicht alles Gold, was glänzt. Zwar geht das Knipsen schnell von statten, wo Ihr mehrere Fotos in einer schnellen Sequenz ohne Verzögerung aufnehmen könnt, aber die Verarbeitung der Bilder, die im Hintergrund stattfindet, dauert inakzeptabel lange. Die einzige Möglichkeit, Fotos mit diesem Smartphone zu machen, besteht darin, Vertrauen in die Software zu haben und später für die Nachbearbeitung einen Blick drauf zu werfen.

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Auch David hat in seinem Test die langsame Bildverarbeitung bemängelt. / © NextPit Bildquelle: NextPit

Leider erwärmt sich das Smartphone aufgrund dieser unglaublichen Rechenbelastung für den SoC selbst bei kürzesten Fotosessions schnell. Außerdem erfahrt Ihr nicht, ob das aufgenommene Foto gelungen ist, bevor die lange Verarbeitung abgeschlossen ist. Es ist mir schon oft passiert, dass die Kamera den Fokuspunkt genau in dem Moment ändert, in dem ich den Auslöser drückte. Die Zeit für die Verarbeitung wurde also sinnlos verschwendet.

Ein weiteres Versprechen war die Möglichkeit, Aufnahmen zu machen, die sehr detaillierte Informationen über die Tiefe (bis zu 1024 Stufen) enthalten. Damit sollte man den Fokus später problemlos anpassen können. Um ehrlich zu sein, liefert das Feature nur in einigen Situationen akzeptable Ergebnisse. In den meisten Fällen jedoch macht die Verarbeitungssoftware mehr Fehler als die klassische Bokeh-Software, die wir von der Konkurrenz gewöhnt sind.

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Brauchst man wirklich 5 Kameras für solch ein durchschnittliches Ergebnis? / © NextPit Bildquelle: NextPit

Zumindest die normalen Fotos sind, trotz der enorm langen Bearbeitungszeit, spektakulär … oder? Sagen wir einfach mal, ich war nicht ganz überzeugt. Die Fotos sind zwar detailreich, aber leider stimmen die Farben oft nicht mit der Realität überein. Selbst die Kontraste werden praktisch eliminiert, was zu flachen, verblassten Fotos führt. Der Dynamikbereich ist nicht der Beste und oft resultiert das in ausgebrannten hellen Stellen. Manch einer könnte das eine realistische Darstellung nennen, aber muss das auf Kosten so großer Unter- oder Überbelichtung passieren?

Abseits dessen ein großartiges Smartphone

Vielleicht erscheint dem ein oder anderen meine Kritik an der Kamera-Qualität zu hart, aber die Kamera ist doch der Hauptgrund, warum man dieses aktuell rund 550 Euro teure Smartphone kaufen dürfte. Immerhin wurde es gerade damit beworben. Die Probleme mit der biometrischen Erkennung bei Seite, ist das Nokia 9 PureView ein angenehm zu bedienendes Smartphone.

Die Benutzererfahrung ist fabelhaft und erinnert an die Pixel-Phones – ein Traum für Liebhaber der finnischen Marke. Leider scheint der Preis recht stabil, womit das nur 400 Euro teure Pixel 3a (zum Test) eine sinnvollere Alternative darstellt.

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Nokia geht in die richtige Richtung. / © NextPit Bildquelle: NextPit

Ich gratuliere HMD Global zu dem Mut, ein solches Gerät zu entwickeln und dabei diese Richtung einzuschlagen. Und sicherlich wird auch vom Nokia 9 PureView noch in den kommenden Jahren die Rede sein, wenn auch nicht als das Comeback in Sachen Kamera-Smartphone, das wir erwartet haben. Dafür hat man meines Erachtens den falschen Weg eingeschlagen. Wie wäre das Smartphone wohl mit Weitwinkel, Ultra-Weitwinkel, Tele, Makro und Monochrom-Optik geworden?

Ich hoffe aber, dass man hier nicht aufhört und bei Nokia weiter „träumt“, um uns mit besonderen Smartphones zu überraschen, die aus der Masse hervorstechen. Wir glauben an dich, Nokia!