Bildsensoren haben ein Image-Problem (höhö): Nach wie vor stehen die Megapixel als wichtigste Kennzahl für die Bildqualität im Vordergrund – und sind dabei mit immer kleinerer Pixelgröße immer irrelevanter. Viel wichtiger ist die Sensorgröße. Denn je größer ein Bildsensor ist, desto mehr Licht fängt er ein. Und mehr Licht auf dem Chip bedeutet – vereinfacht gesagt – eine geringere Empfindlichkeit, bedeutet weniger Fehler bzw. Rauschen beim Auslesen, bedeutet mehr Bildqualität.

Beim im Xiaomi Mi Note 10 verbauten Samsung-Sensor vom Typ Isocell Bright HMX steht jene Sensorgröße leider in der Wahrnehmung im Hintergrund. Leider, denn der lichtempfindliche Chip ist mit 1/1,3 Zoll wirklich verdammt groß. Die wenig intuitive Zoll-Zahl aus dem Zeitalter der Bildaufnahme-Röhren entspricht einer Fläche von etwa 70 Quadratmilimetern. Das ist rund dreimal so viel Fläche wie bei Sonys IMX 363, den Google beispielsweise im Pixel 4 (XL) verbaut.

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Diese Grafik zeigt den Sensor im Google Pixel 4 (XL) und den Sensor im Xiaomi Mi Note 10 im maßstabsgetreuen Vergleich. / © NextPit Bildquelle: NextPit

So weit, so geil. Mit der Standard-Einstellung schießt das Xiaomi Mi Note 10 alle Fotos mit 27 Megapixeln, fasst also immer vier der 0,8 Micron großen kleinen Pixel zu einem 1,6-Micron-Pixel zusammen. Das kennen wir schon zur Genüge von den diversen 48-Megapixel-Smartphones, die standardmäßig mit 12 Megapixeln knipsen. Beim gemeinsam von Samsung und Xiaomi entwickelten Isocell-Sensor heißt das Tetracell Technology.

Warum nicht gleich einen 27-Megapixel-Sensor verwenden?

Der Kunstgriff, aus der hohen eine niedrigere Auflösung zu destillieren, hat zumindest auf dem Papier Vorteile. Praktisch jeder aktuelle Smartphone-Bildsensor arbeitet mit einer sogenannten Bayer-Maske, die die auf dem Sensor vorhandenen Pixel nach dem Verhältnis 2:1:1 in grüne, rote und blaue Pixel unterteilt. Ohne diese Maske würde jeder Pixel auf dem Chip nur stupide die Helligkeit messen – wir hätten eine Schwarzweiß-Kamera. Die RGB-Farbwerte eines jeden Pixels errechnet die Kamera-Software dann anhand der umliegenden, andersfarbigen Pixel auf dem Sensor. 

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Sowohl Sonys Quad-Bayer-Chips als auch Samsungs Tetracell-Sensoren platzieren immer vier gleichfarbige Pixel nebeneinander. / © GadgetByte Bildquelle: GadgetByte

Die Bayer-Maske auf dem von Samsung und Xiaomi entwickelten Tetracell-Sensor hat – wie übrigens auch Sonys sogenannte Quad-Bayer-Sensoren mit 48 Megapixeln – nun allerdings auch keine 108 Megapixel, sondern lediglich 27 Megapixel – unter jedem Farbfilter sitzen vier Pixel. Der Vorteil ist allerdings, dass sich zumindest die Helligkeitswerte granulärer ausmessen lassen. Und bei der Wahrnehmung von Bildschärfe spielt die Helligkeitsauflösung eine größere Rolle als die Farbauflösung.

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Das Bild in der Mitte (2) hat die feinere Helligkeitsauflösung vom linken Bild (1) und die gröbere Farbauflösung vom rechten Bild (3). Dieses bei der Bildkompression übliche niedrigere Farb-Subsampling fällt nur an den Kanten auf. / © NextPit Bildquelle: NextPit

Viel hilft viel?

Zumindest auf dem Papier sind die Auflösung und insbesondere die Sensorgröße ein Vorteil gegenüber der Konkurrenz. Aber es ist wie beim Fußball: Auch mit dem besten Kader kann man ein Spiel verlieren, wenn die Software nicht stimmt (Grüße nach München). Inwieweit Xiaomis Software diesen Hardware-Vorsprung in die Praxis umsetzen kann, wird ein Test zeigen. Denn 108 Megapixel bedeuten auch eine gewaltige Datenmenge, der man erst einmal Herr werden muss: Ein einzelnes 14-Bit-DNG-RAW-Bild bringt es in der Theorie auf stolze 189 Megabyte.

Die Frage ist hier: Ist die Zeit bzw. die im Smartphone verbaute Rechenleistung schon reif für solche Datenmengen? Oder ist eher Googles Ansatz der richtige für 2019 – mit dem fast zwei Jahre alten IMX 363 im Pixel 4, mit viel weniger Fläche und dafür schlanken 12 Megapixeln, die mit der gegenwärtigen Hardware ein flottes Verarbeiten von HDR-Bildserien erlauben?

Unser ausführlicher Test wird es zeigen, ob sich Xiaomi am Ende mit der Hardware selbst im Weg steht – und das stolze 108-Megapixel-Konzept wie von Canon prognostiziert seiner Zeit voraus und im Jahr 2019 eher ein Fall fürs Kuriositätenkabinett ist. Irre geil oder irrelevant? Ich bin gespannt.