Corona-Apps vs. Datenschutz: Minimal-invasiv zum Gemeinwohl

Corona-Apps vs. Datenschutz: Minimal-invasiv zum Gemeinwohl

Um die Ausbreitung des neuen Corona-Virus besser nachzuvollziehen, sollen Smartphones oder Handydaten in die Datenerhebung einbezogen werden. Während in Deutschland die Telekom bereits Bewegungsdaten an das Robert-Koch-Institut weiterleitet, arbeiten Österreich und Südkorea mit Apps und mit Daten von Freiwilligen. Auch in Deutschland gibt es bereits eine nicht-invasive und hilfreiche App, die Datenschutzfreunden gefallen wird.

Der Vorstand des Verbraucherzentrale-Bundesverbandes Klaus Müller erklärt: "Eine Anti-Corona-App kann [nur] helfen, wenn sie folgende fünf Bedingungen erfüllt: Sie muss freiwillig, geeignet, nötig, verhältnismäßig und zeitlich befristet sein." Damit wird die Gratwanderung dieser Apps gleich offensichtlich: Sie pendeln irgendwo zwischen unnötig-neugierig und unnütz-zurückhaltend.

Die App "Stopp Corona" (iOS, Android) des Österreichischen Roten Kreuz – die technisch überall funktionieren sollte – ist eine Art Social Network für Corona-Fälle; oder vielmehr für jene, die noch welche werden. Die zunächst gesunden Nutzer öffnen für die Vernetzung die App und halten die Geräte in räumlicher Nähe zueinander (zwei Meter werden reichen). Die Kopplung erfolgt via Bluetooth und Ultraschall. Die Profile werden dann anonym vernetzt.

Wird später einer der Nutzer krank, meldet er dies in der App. Diese kontaktiert dann automatisch die zuvor angetroffenen, anonymen Kontakte per Benachrichtigung. Diese können mit dieser Information den Arzt kontaktieren und der wird einen Test veranlassen – so die Theorie.

In der Praxis scheitert es dann daran, dass die Leute oft im Eifer des Gefechts nicht an die App denken. Und mit zu wenig Daten werden viele potenzielle Ansteckungen nicht rechtzeitig erkannt; das Virus verbreitet sich dann schneller. Daher feilen die App-Entwickler gerade daran, dass Bluetooth und Mikrofon im Hintergrund weiter arbeiten. Da das Handy damit im Prinzip zu einer Wanze wird, würde diese Funktion allerdings gegen geltendes Recht verstoßen. Ein Paradebeispiel also für den aktuellen Konflikt zwischen Gesundheit und Privatsphäre.

In Deutschland arbeiten das Fraunhofer-Institut für Nachrichtentechnik, Heinrich-Hertz-Institut (HHI/Fraunhofer HHI) und das Robert-Koch-Institut (RKI) an praktisch der gleichen App (Süddeutsche).

Gegenentwurf Coronika, das Offline-Tagebuch für die noch-gesunde Mehrheit

Was passiert eigentlich, wenn jemand positiv auf COVID-19 getestet wurde? Nun, vor allem will das Gesundheitsamt wissen, mit wem Ihr in den vergangenen 14 Tagen Kontakt hattet. Denn diese würden dann durch die Behörde kontaktiert werden, so dass sie alsbald selbst einen Test machen.

Die oben vorgestellte App wäre sicherlich eine gute Ergänzung. Denn nicht jeden Typen, mit dem man in Bus oder Wartezimmer sitzt, kennt man mit vollem Namen oder hat gar seine Telefonnummer zur Hand.

Um dennoch wenigstens ein paar Kontakte und Nummern im Falle eines Falles zur Hand zu haben, lohnt sich ein Blick auf die App Coronika. Die Düsseldorfer Agentur Kreativzirkel hat die App entwickelt und wurde vom health innovation hub des Bundesgesundheitsministeriums bei der Veröffentlichung begleitet. Die App wird kostenlos in zehn Sprachen im Play Store zur Verfügung gestellt – App Store soll folgen. Interessant hierbei ist ihr Privatsphäre-Fokus.

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Coronika ist Euer Begegnungs-Tagebuch – für den Fall der Fälle. / © NextPit

Das fällt gleich bei der Installation auf, denn die App benötigt null Berechtigungen. Ein Import von Adressbuch-Kontakten ist jedoch möglich; Coronika beteuert, diese Daten dann nicht an Dritte weiterzugeben. Auch die Orte werden nicht durch den Standortdienst des Smartphones erfasst, sondern Ihr tippt sie selbst ein. Vertippt Euch aber nicht! Zum Testzeitpunkt war ein nachträgliches Ändern der Tagebuch-Einträge nicht mehr möglich.

Euer so geführtes Tagebuch löscht automatisch Einträge, die älter als 30 Tage sind. Solltet Ihr eines Tages positiv auf Covid-19 getestet werden, könnt Ihr die Daten aus der App exportieren; diese Funktion war zum Testzeitpunkt ebenfalls noch mit dem Schriftzug "Kommt bald!" ausgegraut. Aber noch hat mein Tagebuch ohnehin erst sieben Einträge.

Bewegungsprofile direkt vom Provider?

Anstelle auf die Disziplin weniger Freiwilliger zu setzen, gibt es auch einen radikaleren Ansatz. Mobilfunk-Provider könnten Standort-Daten an Gesundheitsbehörden weitergeben. So ließe sich anhand der Bewegungsprofile feststellen, wo und wie sich der Virus voraussichtlich ausbreiten wird. Zu Simulationszwecken hat die Telekom bereits einen Satz anonymisierter Bewegungsprofile ans RKI weitergegeben. Der Bundesdatenschutzbeauftragte weist bei der Euphorie mancher Überwachungs-Freunde jedoch auf ein kleines Problem hin:

Echte Bewegungsprofile im Einklang mit dem Gebot der Freiwilligkeit der Probanden können also nur mit einer dedizierten App realisiert werden.

Dystopische Ausmaße wie in Südkorea, wo Gesichtserkennung und Kreditkarten-Transaktionen in die Verfolgung einbezogen und gegenseitige Denunziation per App gefördert wurde (smartcitiesworld.net), sind bei uns nicht zu erwarten. Denn weder reichen hierzulande die technischen Kapazitäten aus, noch gäbe es dafür eine rechtliche Grundlage (Tagesspiegel).

Die Crux bei der gefühlten Sicherheit …

In Korea war vor allem die App Co100 besonders beliebt. Diese zeigte in Echtzeit, wie viele Corona-Infizierte sich im Umkreis von 100 Metern aufhalten. Das half Nutzern unmittelbar dabei, das Risiko für sich selbst zu reduzieren. Die bislang für Europa geplanten Apps haben nicht diesen unmittelbaren Mehrwert. Sie locken somit nicht mit dem zusätzlichen Gefühl der Sicherheit.

Die hiesigen Apps zielen vielmehr darauf ab, dass Nutzer – zwar sich selbst auch – aber mehr noch sich gegenseitig schützen wollen. Sie setzen also eine ganz andere Form von Gemeinschaftsgeist voraus. Wenn wir diesen dann konsequent an den Tag legen, könnte ein ganz spannendes Kapitel der Telemedizin beginnen.

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22 Kommentare

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  • Delia vor 5 Monaten Link zum Kommentar

    Solch eine Überwachungs App käme mir nicht auf's Handy. Heute Überwachung wegen Corona und morgen? Irgendwas wird es immer geben.
    Datenschutz wurde mehr als schwer erkämpft... auch wenn er nicht 100%ig ist, aber man hat vieles selber in der Hand.

    Sich und andere schützen, ist selbstverständlich... aber Überwachung zählt für mich nicht dazu.


  • Jens vor 5 Monaten Link zum Kommentar

    Wenn man noch etwas Verstand besitzen sollte, lässt man die Hände davon.
    Unterm Deckmantel des Kampfes werden, neue Überwachung geschaffen. Du der Dummer Nutzer klatscht noch Beifall😂

    Reicht noch nicht, das jetzt schon gegen Grundrechte verstoßen werden. Bezüglich der Einschränkungen. Nein, noch ne App zur Überwachung. Spart man den Weg übern Betreibe ggf. das Ok eines Richters. Der Nutzer stimmt ja freiwillig zu😂😂😂😂


    Die Menschheit verblödet, ein Volk in Angst lässt sich ideal steuern.


  • Ich verstehe das alles nicht... es geht doch hier darum, diesen Virus zu besiegen, einzudämmen, die ganze Schei… zu überleben. Da sollte man mal ein wenig Fünfe gerade sein lassen. Besser ein paar Daten öffentlich machen als später six feet under kein Netz zu haben.


  • Deutschland ist ja auch am rumbasteln und möchte uns über bereits bestehende Apps verfolgen: https://www.welt.de/wirtschaft/article206939411/Coronavirus-Diese-App-soll-jetzt-das-Virus-killen.html Es kann keiner rechtssicher Garantieren das keine persönlichen Daten abgerufen werden und was dann damit passiert. Zum Glück habe ich noch mein Nokia 6310 mit dem ich auch ohne Sim Karte Notrufe machen kann.


  •   77
    Gelöschter Account vor 5 Monaten Link zum Kommentar

    Spionieren kann man doch auch übers Mobilfunknetz und soll mir keiner behaupten, dass das nicht gemacht wird. Wenn ich für die Nutzung eine finanzielle Entschädigung bekomme, dann nutze ich die aber so freiwillig nicht.


  • Auf Freiwilligen-Basis. Ja, klar, danke liebe Datenschutzhysteriker. Das sorgt dafür, dass sich diese App Null durchsetzt. Ich kenne niemanden, der diese App hat oder auch nur kennt.

    Gelöschter Account


  • "..Diese zeigte in Echtzeit, wie viele Corona-Infizierte sich im Umkreis von 100 Metern aufhalten. .."

    Nur die, mit der App und dann nur den kleinen Prozentsatz der Getesteten. Also praktisch unbrauchbar.

    Gelöschter Account


  • Solange es keinen Zwang zur Nutzung gibt sollen die ruhig Geld verbrennen für so eine App. Die nützt vielleicht was für die Zukunft, aber nicht für die aktuelle Corona-Krise. Mal davon abgesehen nützt eine solche App auch nur wenn man das Smartphone immer dabei hat.


    • So ganz ausgereift scheint mir das ganze nicht zu sein. Ultraschall??? Welches Smartphone kann das? Hab ich was verpasst. Saugt die Standortdatenerfassung via Blauzahn Wlan Gps in aktuellen weniger Geräten weniger Strom? Werden die Leute Verpflichtet Smartphones mit sich zu führen? Omis Klaphandy eignet sich die App da auch, nee mein Jetzt nich die Notrufsenioren telefone bzw die Funktion?

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