Sicherlich haben die Sony-Ingenieure triftige Gründe für jede Entscheidung, die sie bei der Entwicklung des Sensors getroffen haben. Ich möchte aber dennoch die Eigenarten des Sensors und die daraus resultierenden Ergebnisse besprechen. Und natürlich lade ich Euch dazu ein, in den Kommentaren darüber zu diskutieren.

Ist der Sony IMX586 wirklich ein 48-Megapixel-Sensor?

Kurze Antwort: In der Theorie, ja. In der Praxis, etwas weniger. Wenn man das von Sony auf seiner Website veröffentlichte Datenblatt liest, findet man überall den Ausdruck „Sensor für Smartphones mit effektiven 48 Megapixeln“, und auch die Tabelle zeigt eine Auflösung von 8.000 x 6.000 Pixeln. Das sehen wir uns genauer an.

Fast alle aktuellen Bildsensoren setzen auf eine sogenannte Bayer-Matrix. Dabei handelt es sich um eine Matrix aus Farbfiltern, die sich vor den einzelnen Pixeln befindet. Das einfallende Licht wird nun vor jedem einzelnen Fotorezeptor so gefiltert, dass entweder nur grüne, rote oder blaue Lichtwellen passieren können. Nachdem es doppelt so viele grüne wie rote oder blaue Pixel gibt, hat ein 48-Megapixel-Sensor also 24 Millionen grüne und je zwölf Millionen rote und blaue Bildpunkte.

Die Sensorelektronik macht dann aus jedem einfarbigen Pixel einen bunten RGB-Pixel. Dazu halten die Farb-Informationen der benachbarten Bildpunkte her: Ein grüner Pixel (G) wird, vereinfacht gesagt, durch die gemittelten Werte seiner blauen (B) und roten (R) Nachbar-Pixel zu einem RGB-Pixel.

Bayer pattern on sensor diagram
Filter mit Bayer-Matrix / © Wikipedia Bildquelle: Wikipedia

Nun zum IMX586: Sony verwendet hier eine Pixelanordnung namens Quad-Bayer-Matrix, die nichts anderes ist, als eine klassische Bayer-Matrix. Allerdings findet sich hier unter jedem Farbfilter der Bayer-Matrix nicht nur ein einzelner Pixel, sondern vier Pixel. Während der Sensor also zwar eine Auflösung von 48 Megapixeln hat, löst die Bayer-Matrix selbst nur 12 Megapixel auf. Ihr findet übrigens bei den Kollegen von GSM Arena eine tolle Erklärung, wie die Quad-Bayer-Matrix auf dem Huawei P20 und P20 Pro funktioniert. 

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Die beiden Matrizen im Vergleich. / © GadgetByte Bildquelle: GadgetByte

So viel Marketing und so viele Zweifel

Sony behauptet nun, dass das Setup sowohl eine hohe Empfindlichkeit als auch eine hohe Auflösung für den Sensor ermöglicht. Grundsätzlich gilt erstmal: Mit einer Diagonale von 1/2 Zoll ist der Sensor für ein Smartphone einigermaßen groß. Die Größe der einzelnen Pixel jedoch ist aufgrund der hohen Auflösung vergleichsweise klein – nämlich gerade einmal 0,8 Mikrometer. Kleine Pixel sammeln wenig Licht, und wenig Licht bedeutet viel Rauschen. 

Sony will bei schlechten Lichtverhältnissen – wo es eben kritisch wird mit dem Licht-Sammeln – diese Mini-Pixel zusammenfassen. Und so wird aus vier kleinen Pixeln quasi ein einzelner 1,6-Mikrometer-Rezeptor. Lohnt sich dieser Spagat also? Diese 1,6-Mikrometer-Pixel sind nur geringfügig größer als beim Sony IMX363, der es auf eine Pixelgröße von 1,4 Mikrometer bringt. Ganz zu schweigen davon, dass in diesem Fall die Pixel wirklich diese Größe haben und nicht irgendwie zusammengerechnet werden müssen.

Im IMX586 werden unter Berücksichtigung der Quad-Bayer-Matrix nur 30 Prozent größere Fotorezeptoren simuliert als im IMX363, während wir unter Berücksichtigung einzelner Pixel eine 67 Prozent kleinere Fläche haben.

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Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber im Moment sehe ich nur wenige Vorteile und viele Nachteile. / © NextPit Bildquelle: NextPit

Wie gesagt: Die Idee von Sony ist, die native Auflösung nur bei guten Lichtverhältnissen einzusetzen, da die kleinen Pixel eben viel Licht benötigen, um richtig zu funktionieren. Je kleiner der Fotorezeptor, desto wahrscheinlicher ist es nämlich, dass bei abnehmender Helligkeit Artefakte auftreten, was zu einer Verschlechterung der Bildqualität führt. Bei schwierigen Lichtbedingungen wird dann das Gruppierungssystem für die Pixel verwendet, um das Rauschen zu reduzieren und die Gesamtempfindlichkeit des Sensors (bester SNR-Wert) auf Kosten der Auflösung zu erhöhen.

Wie jedoch bereits besprochen, sind die Rezeptoren in einer Quad-Bayer-Matrix angeordnet, und hier entstehen bei mir die größten Zweifel. Da diese Pixel physikalisch an bestimmte Lichtfrequenzen gebunden sind, ist es nicht möglich, eine Quad-Bayer-Matrix so anzuordnen, dass daraus eine klassische Bayer-Matrix wird, um die 48 Megapixel voll auszunutzen. Es sind in unmittelbarer Umgebung schlicht weniger andersfarbige Pixel für eine Interpolation der RGB-Werte vorhanden.

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Ein wie links dargestellter Sensor kann nicht in den rechts dargestellten umgewandelt werden – er kann sich dem nur annähern. / © Sony (bearbeitet) Bildquelle: Sony (edited)

Das Ergebnis kann daher nur eine Annäherung an das sein, was ein echter 48-Megapixel-Sensor mit echter 48-Megapixel-Bayer-Matrix erfassen könnte. 

Die Größe ist entscheidend, aber es gibt noch andere Faktoren

Der Sony IMX586 hat eine Oberfläche von 30 mm², wo alle 48 Millionen Pixel untergebracht sind. Damit ist der Sensor kleiner als jener mit 40 Megapixeln, der beispielsweise beim Huawei P20 Pro und Mate 20 Pro verwendet wird. Dieser wiederum misst nämlich 45 mm² (7,76 x 5,82 mm) und nutzt die gleiche Quad-Bayer-Matrix. 

Doch nicht nur hier, auch das inzwischen betagte Nokia Lumia 1020 (41 Megapixel auf 58 mm²) und Nokia 808 (41 Megapixel auf 85 mm²) schneiden viel besser ab. Wobei Letzteres immer noch unangefochten den größten jemals in einem Smartphone eingesetzten Sensor beherbergt – mit Ausnahme des experimentellen Panasonic Lumix DMC-CM1.

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Auch auf die Größe kommt es an. / © Sony Bildquelle: Sony

Darüber hinaus müssen aber auch viele weitere Faktoren berücksichtigt werden, wie z. B. die verwendeten Objektive und die Verarbeitung der vom Sensor selbst erfassten Daten. So könnte beispielsweise die Bildverarbeitung von Honor und dem Kirin 980 beim View20 sehr unterschiedliche Ergebnisse liefern als bei einem anderen Smartphone mit dem Snapdragon 660. Und um zu Huawei zurückzukommen: Die Honor-Mutter beispielsweise dürfte viel mehr Ressourcen haben, um Bildverarbeitungsalgorithmen für spezielle Bayer-Matrizen zu entwickeln, als Honor. Aber wie sieht die Praxis aus?

Erste Foto-Tour mit enttäuschenden Ergebnissen

Ich bin bereits einige Tage mit dem Honor View20 durch das in der kalten Winterzeit von Grau dominierte Berlin geschlendert und muss sagen, dass mich die Kamera bislang nicht sonderlich beeindruckt hat. Selbst am hellichten Tag konnte ich nur durch die Nutzung des 12-Megapixel-Aufnahmemodus brauchbare Bilder schießen, die mit 48 Megapixel eher unansehnlich waren. Trotzdem waren diese nicht auf dem Niveau anderer von mir in den letzten Wochen getesteter Smartphones.

An den Rändern der Bilder scheint der Sensor viel an Qualität einzubüßen und wenn ich bei einem Bild mit 48 Millionen Pixeln hineinzoome, fand ich zumeist eher Problemstellen wie Artefakte vor, anstatt mehr Details erkennen zu können. Würdet Ihr zu einem Smartphone greifen, das nur tagsüber und nur an sonnigen Tagen gute Fotos schießt?

Nachfolgend seht Ihr zwei Beispiele für Fotos, die mit 48 Megapixel am Tag und in der Nacht, jeweils bei weniger idealen Situationen aufgenommen wurden:

Ich sage nicht, dass Ihr gar kein Smartphone in Betracht ziehen solltet, das Sonys IMX586 verwendet, aber aktuell sollte man sich folgender Dinge bewusst sein:

  1. Mehr Megapixel ergibt nicht gleich bessere Fotos.
  2. Der Sensor ist nicht viel größer und erfasst daher nicht mehr Licht als die Konkurrenz.
  3. Die dazugehörige Soft- und Hardware kann einen großen Unterschied im aktuellen Zeitalter der computergestützten Fotografie machen.
  4. Lasst Euch nicht vom Marketing täuschen, wo mit einer riesigen Anzahl an Pixeln geworben wird
  5. Wenn Flaggschiff-Smartphones, die in der Regel besonders kritisch beäugt werden, den Sensor nicht verwenden, gibt es vielleicht einen Grund dafür
  6. Alles gesagte ist nur meine persönliche Meinung ?

Jetzt, nachdem Ihr dieses lange persönliche Pamphlet gelesen habt, das – soweit wie möglich – auf vorliegenden Daten basiert, könnt Ihr Euch nun selbst in den Kommentaren dazu äußern!