Unheimliche Beschleunigung

Mit Casino Royale und Eva Green fing alles an. James Bond muss ohnmächtig mit anschauen, wie seine große Liebe zum Opfer einer Erpressung wird und sich das Leben nimmt. Doch auf einem Sony Ericsson M600i mit UIQ-Oberfläche (Symbian) kann sie dem Geheimagenten posthum eine letzte Nachricht übermitteln, die ihn auf die Spur der Drahtzieher führt und seinen Rachefeldzug einleitet.

Ich kann mich nicht nur an den Film gut erinnern, sondern auch an das Telefon. Das Volltastatur-Gerät mit Wipptastatur und Touchscreen war damals, kurz vor dem iPhone, eines der coolsten Gadgets auf diesem Planeten.

Jetzt also der dritte neue Bond und ein neues Bond Phone und die Diskrepanz zwischen der kurzen in der Triologie erzählten fiktiven Handlung und unserer Realität könnte größer nicht sein. Während der Geheimagent immer noch für „M“ und das Vaterland die Kohlen aus dem Feuer holt, ist Sony Ericsson Geschichte. UIQ ist zusammen mit Symbian ein Opfer des iPhone-Booms geworden und Ex-Marktführer Nokia steht kurz davor, eines zu werden. Immerhin: Die Bond-Abenteuer werden weiter von Sony Pictures produziert und deshalb telefoniert 007 in Skyfall mit einem Xperia T mit Googles Android OS.

Ein schwarzes Smartphone mit der Aufschrift "SONY" und Kopfhöreranschluss, auf einer grauen Oberfläche platziert.
Sony Xperia T: Der Kopfhörerausgang erinnert an einen Pistolenlauf.  Bildquelle: nextpit

Ein perfektes Paar

Und noch eine Konstante: Wieder passen die beiden perfekt zusammen. Man könnte fast denken, die Designer bei Sony hätten das Telefon extra für den Mann im Smoking entwickelt. Es fühlt sich massiv an wie ein Block und strahlt mit seiner sanft nach innen geschwungenen Rückseite gleichzeitig Leichtigkeit und Eleganz aus – das ist eine einzigartige Mischung, die im Smartphone-Bereich nur noch vom iPhone 5 erreicht wird. Der dicke Chromring um den Kopfhörerausgang auf der Oberseite erinnert an das Ende eines Pistolenlaufes.

Smartphone von hinten, schwarze Rückseite mit Kamera, Tasten und Xperia-Logo sichtbar.
Harmoniert perfekt mit einem Smoking: Sony Xperia T Bildquelle: nextpit

Für mich ist das Xperia T eines der bestaussehendsten Smartphones, die der Markt momentan hergibt. Mein Galaxy S3 sieht daneben wie ein Plastikspielzeug aus.

Auch das Display lässt mich das S3 schnell vergessen. Das 4,6 Zoll große LCD mit 1280 x 720 Pixeln stellt alle Inhalte messerscharf und sehr klar dar. Die Anzeige ist außerordentlich hell und kontrastreich und wenn ich draufschaue, bin ich froh darüber, dass das Nexus 4 mit einem modernen IPS-LCD kommt und auf AMOLED verzichtet. Wenn Ihr einen Beweis dafür braucht, dass die LCD-Technologie noch lange nicht auf den Schrotthaufen der Technik-Geschichte gewandert ist: Nehmt ein Xperia T in Hand, dreht auf maximale Helligkeit und schaut euch ein Video an oder surft im Internet!

SIM- und micro-SD-Einschub findet man auf der rechten Seite, gut geschützt von einer Kunststoffkappe.

Die Qualität der 13-Megapixel-Kamera überzeugt ebenfalls, wer sich näher dafür interessiert, den verweise ich einfach mal auf den Kamera-Vergleich von Klaus. Um es an dieser Stelle kurz zu machen: Das Sony-Telefon bewegt sich mindestens auf Augenhöhe mit dem Galaxy S3.

Hier noch ein paar weitere Ergebnisse meines Tests:

+/- Die Akku-Laufzeit (1850 mAh) ist OK. Ich komme nicht ganz einen Tag über die Runden, habe allerdings erst drei volle Ladezyklen hinter mir, der Akku ist also noch nicht bei seiner vollen Leistung. Dass er fest verbaut ist, ist mir ziemlich egal. Ich habe noch nie einen Akku tauschen müssen und wenn es mal knapp wird, habe ich einen externen Akku-Pack dabei. Allerdings kann ich jetzt schon klar sagen: Das Galaxy S3 hält ein paar Stunden länger durch.
+ Der interne Speicher fasst 13 Gigabyte. Er lässt sich mit bis zu 32 Gigabyte großen micro-SD-Karten erweitern.
+ NFC ist an Bord und man hat die Möglichkeit, Inhalte über DLNA im Heimnetz zu streamen.

So weit so gut. Am liebsten würde ich mich jetzt so langsam in Richtung Fazit bewegen und das Sony Xperia T als eines der besten Smartphones dieses Planeten feiern. Aber ich kann nicht, ich habe nämlich angefangen, Musik zu hören. Damit fing alles an.

Ein Sony Xperia Smartphone zeigt den Musik-Player mit dem Titel "California Soul" von Marvin Gaye auf dem Bildschirm.
Die Darstellung auf dem LCD ist herausragend. Bildquelle: nextpit

Oben wird die Luft dünner

Die In-Ear-Kopfhörer sind genauso hochwertig gefertigt wie das Telefon und sie produzieren ein sehr klares Klangbild mit ausreichend Bässen. Aber der Klinkenstecker ist so breit gefasst, dass er nach kurzer Zeit immer einen Millimeter rausrutscht, was den Musikgenuss abrupt unterbricht. Pikantes Detail: Mit anderen Kopfhörern, etwa von Samsung, passierte so etwas nicht

Man könnte jetzt sagen: ein Einzelfall. Das kann ich nicht ausschließen, weil es bisher kaum Erfahrungsberichte zum Xperia T im Netz gibt. Man könnte auch sagen: Nimm einfach andere Kopfhörer und fertig. Aber mein Vertrauen war erschüttert. Das Gerät kostet über 500 Euro und spielt damit in der Oberliga, wo der kleinste Fehler gnadenlos bestraft wird. Hätte ich es gekauft, ich hätte es zurück gebracht.

Aber wenn wir an dieser Stelle einfach mal davon ausgehen, dass es sich um einen Einzelfall handelt – mein nächster Kritikpunkt ist garantiert keiner. Ich spreche von der völlig überfrachteten Benutzeroberfläche, die Sony wie einen Bleimantel über das von Google entwickelte Android-System legt.

Screenshots eines mobilen Geräts mit Medienanwendungen und Kontaktlisten. Texte: "Medien", "Freunde", "Top-Kontakte".
Homescreen und Widgets auf dem Xperia T: Sony drückt überall seinen Stempel auf. Bildquelle: nextpit

Im Gegensatz zu den misslungenen Timescape-Experimenten der ersten Xperia-Generationen hat sich der Hersteller zwar zurückgenommen, aber trotzdem immer noch in jeder Ecke des Systems seinen Stempel aufgedrückt: Die App-Icons, der Sperrbildschirm, der Wecker, der Musikplayer – einfach alles. Sogar einen Musikshop findet der Nutzer im Hauptmenü, in dem die Songs mit 1,99 Euro doppelt so teuer sind wie vergleichbare Angebote. Das einzige, was ich nicht als überflüssig empfand, war die Navigations-App Wisepilot, weil sie eine Onboard-Navigation bietet, was vor allem im Ausland praktisch ist.

Sony packt auch zahllose Widgets mit drauf. Von denen kann man zwar nie genug haben, aber ihre schiere Anzahl verdeutlicht in meinen Augen noch einmal den umfassenden Premium-Anspruch, den Sony als einer der weltgrößten Elektronik- und Unterhaltungskonzerne hat: Wir wollen Dir alles bieten und zeigen, was wir können und wir wollen die Besten dabei sein. Dumm nur, wenn andere es besser implementieren können, weil sie mit Android die Systembasis entwickeln. Google zum Beispiel.

Weniger ist manchmal mehr

Skyfall gilt jetzt schon als einer der besten Bond-Filme aller Zeiten. Der Film spielt in einer düsteren, realistischen Welt und statt irgendwelcher Super-Gadgets, die Pierce Brosnan immer ein bisschen lächerlich gemacht haben, kann Q dem Geheimagenten diesmal nur einen Peilsender und eine handsignierte Walter PKK mit auf seinen Weg geben. Es gibt nur den Sender und Pistole und das reicht für einen packenden Film. Ich hätte mir gewünscht, dass sich Sony bei der Konzeption des Xperia T tatsächlich an Skyfall orientiert hätte.

Der Musik- und App-Shop von Sony reagiert schneckenlangsam und ruckelig. Das hat mich aber noch nicht weiter gestört, weil ich den eh kaum besuche. Viel schlimmer sind die Ruckler, die immer dann auftreten, wenn man ein Wigdet oder Icon auf dem Homescreen platziert oder verschiebt. Die Oberfläche reagiert ansonsten zwar butterweich und flüssig, aber: diese eine Sekunde in dieser speziellen Situation ist eine Sekunde zu viel. Stellt Euch doch mal Daniel Craig vor, wie er in höchster Gefahr am Abgrund steht und wütend auf seinem Xperia T herum hämmert, weil im alles entscheidenden Moment die Benutzeroberfläche eingefroren ist.

Screenshot eines App-Stores mit Kategorien für Spiele, Apps und Musik, sowie einem Kaufangebot für "Vardo" von Sigur Rós für 1,99 €.
Sony Play Now Store: Langsamer Aufbau und doppelt so teuer. Bildquelle: nextpit

Während die von Sony Pictures seit 2006 produzierten Bond-Neuinterpretationen ein großer Erfolg sind, geht es mit dem Mutterkonzern seit Jahren bergab. Sechs Jahre liegen zwischen Eva Greens M600i und Daniel Craigs Xperia T und während sich der Agent von Film zu Film steigern konnte, rutschte Sony (Ericsson) immer tiefer in die roten Zahlen und verliert im Smartphone-Markt zunehmend Anschluss. Mit der Walkman-Serie hatten sie mal die coolsten Telefone im Programm und von dem damit aufgebauten Lifestyle-Image zerren sie noch heute. Mit ihren millionenschweren Werbekampagnen können sie es noch weiter aufrecht erhalten, aber ihre Produkte können es nicht einhalten.

Früher ist meistens besser

Das Xperia T ist ein hervorragendes Smartphone, aber es ist für mich ein Paradebeispiel für die Unerbittlichkeit eines Marktes, dessen unheimliche Beschleunigung viele Unternehmen auf der Strecke zurück bleiben lässt, weil sie nicht die nötige Geschwindigkeit entwickeln können. Ich habe für mein Galaxy S3 vor ein paar Monaten 530 Euro bezahlt. Hätte ich damals die Wahl gehabt, ich hätte mir ein Xperia T gekauft.

Aber es kommt erst jetzt für 530 Euro (ohne Branding) in den Handel und nur das iPhone 5 und ein paar LTE-Modelle sind teurer. Das Galaxy S3 wurde mittlerweile millionenfach verkauft und steht aktuell bei 450 Euro. In knapp zwei Wochen wird das Photo Sphere, das 360-Grad-Aufnahmen erlaubt und auf Street-View-Technologie basiert. Das Xperia T wird mit 4.0.4 ausgeliefert und 4.2 bestimmt nicht vor 2013 erhalten.

Sony ist in meinen Augen so langsam, weil sie alles besser machen wollen als die anderen. Sie setzen seit dem M600i voll auf Premium und versuchen krampfhaft, ihren Riesenkonzern in seiner Gesamtheit in ihre Smartphones zu pressen. Das kann und wird nicht gut gehen, aber um es zu ändern, müsste sich nicht nur die mobile Sparte neu erfinden, was Mut und Risikobereitschaft erfordet. Dass so etwas funktionieren kann, zeigt doch einer Ihrer erfolgreichsten Angestellten.

Titelfoto: Sony, alle anderen Fotos und Abbildungen: Andreas Seeger / AndroidPIT