Die Technik hat die Fitnessbranche erobert: Wie fit sind wir jetzt wirklich?

Die Technik hat die Fitnessbranche erobert: Wie fit sind wir jetzt wirklich?

Es gibt einen klaren und wachsenden Trend in der Technologiebranche, wenn es um fitness-orientierte Produkte und Dienstleistungen geht, und im Jahr 2020 haben wir nur eine Bewegung in eine Richtung gesehen. Jeder, der in den letzten zwei Jahren auf einer Messe wie der CES oder der IFA war, wird dies aus erster Hand miterlebt haben. Es war nie einfacher, sich "fitter zu kaufen", aber wie viel Einfluss hat Smart Tech wirklich auf die Gesundheit unserer Bevölkerung?

Smartwatches haben den Schwerpunkt verlagert

Der vielleicht offensichtlichste Markt, auf dem die Fitness in den Mittelpunkt der neuen Technologie gerückt ist, liegt im Bereich der Wearables. Ich erinnere mich, dass bei Smartwatches der Schwerpunkt zunächst darauf lag, das Smartphone weniger zu benutzen. Die frühen Geräte wurden als Smartphone-Begleiter verkauft – etwas, auf dem man Benachrichtigungen lesen und kleine Aufgaben erledigen konnte, ohne das Smartphone 50 Mal am Tag aus der Tasche ziehen zu müssen. Die Geburt des digitalen Wohlbefindens durch mehr Bildschirme war geboren – für viele immer noch ein oxymoronisches Konzept.

Spult bis ins Jahr 2020 vor, und Smartwatches sind fast ausschließlich auf Fitness und Gesundheit ausgerichtet. Diejenigen von Euch, die die jüngste Apple-Veranstaltung verfolgt haben, werden schwarz auf weiß gesehen haben, wovon ich spreche. Die Apple Watch dominiert den Markt für Smartwatches, und das Produkt stellt Gesundheit und Fitness in den Mittelpunkt seines Zwecks. Die Blutsauerstoffsättigung landete in diesem Jahr auf der Apple Watch 6, und mit Apple Fitness+ wird noch in diesem Jahr ein neuer, speziell für die Uhr konzipierter Abonnementservice eingeführt.

Auch die Spin-off-Fitnesstracker entwickeln sich weiter. Die frühen Versionen waren kaum mehr als Schrittzähler, die die Menschen dazu aufforderten, das magische Ziel von 10.000 Schritten pro Tag zu erreichen – ein willkürliches Ziel, das von einem japanischen Wortspiel aus den 60er Jahren abgeleitet ist. Die neuesten Iterationen können jetzt Dutzende von körperlichen Aktivitäten verfolgen, und SpO2-Sensoren sind bereits auf erschwinglichen Produkten wie dem Honor Band 5 erhältlich.

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Der Honor Band 5 ist mit vielen Gesundheits- und Fitnessfunktionen ausgestattet. / © NextPit

Smartwatches sind also nicht mehr daran interessiert, dass wir weniger auf unsere Telefone schauen, sondern sie versprechen, uns fitter und gesünder zu machen. Natürlich schaden sie Menschen, die in eine bessere Form kommen wollen, nicht, aber diese Idee einer schnellen, käuflichen Lösung für Ihre Gesundheitsprobleme ist älter als die Zeit selbst, und dieser Trend beunruhigt mich.

Software-Abonnements statt Fitnessstudio-Mitgliedschaften

Eines der wichtigsten Versprechen, das die Fitnesstechnologie im Laufe der Jahre gab, ist, dass sie dem Bedarf an teuren Fitnessstudio-Mitgliedschaften ein Ende setzt. Sie brauchen keinen persönlichen Trainer, wenn auf eurer Smartwatch oder dem Smartphone das gesamte Wissen und die gesamte Expertise vorhanden ist. Aber es dauerte nicht lange, bis die Technologieunternehmen damit begannen, unsere Fitnessziele zu monetarisieren, nicht wahr?

Abonnementdienste für spezielle körperliche Aktivitäten gibt es schon seit einiger Zeit. Hier gibt es Yoga-Apps, bei denen Ihr eine kleine monatliche Gebühr zahlen könnt, um Trainingseinheiten auf dem Mobilgerät zu verfolgen. Unternehmen wie Peloton und seine Konkurrenten haben die Dinge für Radsport-Enthusiasten auf die nächste Stufe gehoben. Der Heimtrainer- und Abonnementdienst ist sowohl eine Fitnesslösung für zu Hause als auch eine Lifestyle-Wahl für Fitness-Hacker aus dem Silicon Valley. Wenn Ihr über das nötige Geld verfügt, könnt auch Ihr der nächste Eddy Merckx mit zusätzlichen AirPods sein.

Apple Fitness Plus Bild Apple
Der neue Apple Fitness+ Abodienst wird noch in diesem Jahr eingeführt. / © Apple

Mit Apple Fitness+ wendet sich der Cupertino-Riese mit seinem neuesten Abonnement-Service an ein Mainstream-Publikum. Es kostet in den USA 9,99 Dollar pro Monat oder 79,99 Dollar pro Jahr – billiger als die meisten Fitnessstudio-Mitgliedschaften – aber es sind weitere zehn Dollar auf der wachsenden Liste der monatlichen Fixkosten die sich in alle Ecken unseres Lebens eingeschlichen haben.

Sowohl die Schwerpunktverlagerung bei Smartwatches als auch die Einführung von Abonnementdiensten zielen im Wesentlichen darauf ab, die einzige, enorme Hürde zu überwinden, die die Mehrheit der Menschen davon abhält, sich fit zu halten – die Motivation!

Das alte Ethos für die Mitgliedschaft im Fitnessstudio ist das schlechte Gewissen. Wenn man eine monatliche Gebühr bezahlt, hat man einen finanziellen Anreiz, tatsächlich vom Sofa aufzustehen. Wenn man das Pumpen überspringt, sollte sich das Gewissen einschalten. Ihr sollt Euch schuldig fühlen, dass Ihr für etwas bezahlt, das Ihr nicht benutzt. In gewisser Weise tragen Dienste wie Apple Fitness+ zu diesem Motivationsschub bei.

Das Datenproblem, über das niemand spricht

Das Problem, wenn man seine Gesundheit in die Hände eines großen Technologieunternehmens legt, ist, was mit all diesen Daten geschieht. Einige Bedenken über persönliche Gesundheitsdaten wurden in der NextPit-Gemeinschaft geäußert, als wir mit dem Testen von Wearables begannen, aber das scheint sich gelegt zu haben, da die Verbraucher sich mit dem Smartwatch-Konzept wohler fühlen. Eine der Hauptsorgen war jedoch, dass Eure persönlichen Fitnessdaten an die Krankenversicherer weitergegeben werden und sich somit auf Prämien auswirken könnten.

In Singapur ist dies zur Realität geworden. Die Regierung hat sich mit Apple zu einer neuen Gesundheitsinitiative namens LumiHealth zusammengeschlossen. Das vom Health Promotion Board Singapurs entwickelte Programm soll die dazu ermutigen, die Herausforderungen des Fithaltens mit der Apple Uhr und dem iPhone zu meistern. Wer diese Herausforderungen bewältigt, kann während der zweijährigen Laufzeit des Programms Belohnungen im Wert von bis zu 380 S$ (etwa 130 Euro) verdienen.

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Apple ist eine Partnerschaft mit der Regierung von Singapur für die LumiHealth-App eingegangen. / © LumiHealth über den Apple App Store

Die Regierung wird also wissen, ob man joggen gegangen ist oder auf dem Hintern gesessen hat. LifeBEAM stellt zudem biosensorische Kopfhörer für Echtzeit-Trainingsfeedback her, Bowflex verkauft intelligente Hanteln, intelligente Sportkleidung wird zu einem Ding und Eure Wasserflasche kann sagen, wann es Zeit für den nächsten Schluck ist.

Der Zugang zu diesen Daten und Analysen ist sicherlich ein Vorteil für diejenigen, die ihre Fitness ernst nehmen, aber löst irgendeines dieser Produkte das uralte Problem, das nach wie vor der Hauptgrund dafür ist, dass unsere Industrienationen mit Bevölkerungsgruppen zu kämpfen haben, die übergewichtig sind? Da bin ich mir nicht so sicher.

Macht irgendetwas von dieser Technologie einen wirklichen Unterschied?

Vieles an dieser neuen intelligenten Fitnesstechnik kommt mir vor wie ein Marketing-Betrug. Es ist einfacher, eine Apple Watch und ein Fitness+-Abonnement zu bekommen, als sich vor der Arbeit aus dem Bett zu schleppen und 5 km zu laufen. Oder macht das Erste das Zweite leichter? So wie die Schönheitsindustrie mit unseren Unsicherheiten bezüglich des Aussehens spielt, schlägt die Technologie die gleichen Akkorde und verpackt sie wie das gesunde Leben. Es geschieht gleichzeitig in Bezug auf das geistige Wohlbefinden, und das ist noch beunruhigender.

Vielleicht bin ich geblendet von meiner eigenen persönlichen Erfahrung mit dieser neuen Welle von Fitness-Technologien. Während ich in meinen besseren Wochen ein halbwegs anständiger Mittelstreckenläufer und ein durchschnittlicher Amateur-Fussballer war und immer noch bin, hatte ich mit der Motivation zu kämpfen, mich fit zu halten, während ich älter wurde.

google fit
Google Fit wurde erstmals 2014 eingeführt. Inzwischen ist es auf den meisten Android-Smartphones vorinstalliert. / © NextPit

Ich bin immer bestrebt, rauszugehen und ein paar Kilometer zu laufen, wenn ich eine neue Smartwatch teste, aber sobald die berufliche Verpflichtung mit der Veröffentlichung der Rezension ausläuft, ist mein Bestreben, das Produkt weiter zu verwenden, ebenso groß. Die Motivation bleibt für mich intern, und keine Datenmenge oder Gamifizierung hat mich bisher in ihren Bann gezogen. Damit bietet mir die deutsche Regierung noch keinen finanziellen Anreiz, meine Apple Watch-Statistiken in gutem Zustand zu halten, wie es die Singapurer getan haben. Ich frage mich, ob dieser Boom unweigerlich einen Moment der Pleite erreichen wird.

Ich habe hier nicht wirklich eine Schlussfolgerung zu ziehen. Schließlich kann ich nur aus meiner persönlichen Erfahrung sprechen. Ich würde aber gerne von Euren Erfahrungen mit Smart Tech im Hinblick auf Eure eigenen Fitnessziele hören. Wer da draußen hat seine Gesundheit als direkte Folge der Fortschritte in dieser Technologie verbessert? Und wer, wie ich, hat sie als willkommene Ablenkung, aber nicht als Anreiz zur Gewohnheitsveränderung empfunden?

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11 Kommentare

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  • An apple a day keeps the doctor away🍏👍


  • Wie heißt denn die Smartwatch ganz oben auf dem Bild?


  • Meine Apple Watch motiviert mich schon etwas zu tun - ob ich dann auch wirklich Sport treibe ist die andere Sache. Für mich persönlich sind es die kleinen Veränderungen, zu denen mich die Apple Watch treibt, die Veränderung bringen. Wenn mir noch 2 Minuten bis zu meinem Trainingsziel fehlen, dann nehme ich auf Arbeit eben die Treppe, statt mit dem Fahrstuhl zu fahren. Das sind dann auch die Dinge, die sich im Alltag bemerkbar machen, auch wenn man sie nicht immer direkt wahrnimmt. Ich denke bei vielen ist es zeitlich nicht möglich, den Sport noch mit in den Tagesablauf einzubauen. Aber wenn mich dann eben die Watch daran errinnert kurz aufzustehen oder zu laufen, dann erreiche ich auch so meine täglichen Ziele. Ich sehe daher in den Wearables eine Unterstützung für den Alltag, die einen daran erinnern, etwas zu tun. Ob nun die ganzen Fitness-Apps sinnvoll oder nicht sind, muss doch jeder für sich selbst entscheiden. Sportbegeisterte werden es vielleicht direkt ausporbieren, andere eben nicht.


  • Ich begrüße das wenn solche Geräte einen zu Sport animieren und auch das Krankenkassen Zuschüsse dafür geben. Dennoch ist das weniger als die halbe Miete. Wenn man bedenkt das 70-80% die Ernährung dafür verantwortlich ist ob man fitter wird nicht, haben viele noch einiges zu lernen. Nur so ein Gerät am Handgelenk bringt gar nix. Wenn man dann die Werbung von z.B. Joghurt sieht „nur 0,3% Fett“ aber 30g KH dann sieht man auch dass die Industrie den Leuten schön auf der Nase rumtanzt und sie es leider annehmen.
    Für mich war es nach meiner Massephase wichtig meine Kcal zu tracken, es war für mich dann extrem leicht auf 10% KFA zu kommen (darunter wollte ich nicht). Das war schon sehr nützlich.


  • Es gibt ja diesen Spruch, woran man einen Veganer erkennen kann, nämlich daran, dass er es einem erzählt. Das trifft aber inzwischen auch auf ganz viele "Fitnessanhänger" zu, was ich als extrem nervend empfinde. Jeder muss heute mit seiner vermeintlichen Fitness hausieren gehen, ganze Mittagspausen drehen sich nur um dieses Thema. Welche Uhr, wieviel Schritte, wann darf man was essen und wann nicht, ihr kennt das ja alle. Ich hab den Eindruck, heute wird viel mehr über Fitness geredet, als wirklich etwas dafür getan. Das liegt sicher an den Gadgets, mit denen sich jeder schlaffe Büroangestellte plötzlich wie ein Superathlet fühlen kann, der rund um die Uhr an seinem Körper arbeitet. Das führt dann zu absurden Situationen, in denen ich zum Beispiel vorschlage, zu einem Termin, der einen Kilometer entfernt ist, doch schnell zu Fuß zu gehen und damit nur verständnislose Blicke ernte. Auf der Fahrt zum Termin ist aber dann das große Thema, dass der Termin ja nicht zu lange dauert, weil man noch ins Fitnessstudio möchte. Absurd.

    Ich finde diese Gadgets gut und sie können auch motivieren, nutze sie selbst aber nicht zum Sport machen, weil ich sie schlicht nicht brauche, um mich fit zu halten.


    • @Tenten
      „ Ich finde diese Gadgets gut und sie können auch motivieren, nutze sie selbst aber nicht zum Sport machen, weil ich sie schlicht nicht brauche, um mich fit zu halten.“

      Das sollte eigentlich auch so sein, denn wenn nur so ein Gerät einen motiviert wird man es nicht lange durchhalten. Selbstmotivation ist das Beste um langfristig was zu machen!


  • Schöner Artikel.
    Wenn es doch mal so einfach gehen würde: Man kauft sich eine Smartwatch und schwupps ist man schlank... Ohne Motivation geht natürlich gar nichts. Ich kenne einige Leute, die stört es gar nicht, dass sie monatlich für das Fitnessstudio bezahlen und nicht hin gehen. Die beschweren sich zwar, dass sie dumm seien, aber weder kündigen sie, noch gehen sie hin.

    Bei mir war es eher anders herum. Ich war einige Jahre nur ein Gelegenheitsläufer, so 20-25 km im Monat. Da ich aber Spaß an den Zahlen habe und auf meinen Puls achten muss, hatte ich mir damals schon eine Garmin Uhr gekauft. Die hat an sich aber nichts an meinen Laufgewohnheiten geändert. Während der Wochen und Monate im Corona-Homeoffice brauchte ich aber einfach Bewegung. Dadurch purzelten dann die Pfunde und das schlug jetzt in Motivation um. Jetzt laufe ich ca. 70 km im Monat. :-)

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