E-Learning in Indien: Bildungs-Boost in einer Pandemie

E-Learning in Indien: Bildungs-Boost in einer Pandemie

Verzeiht mir, wenn ich das Offensichtliche ausspreche, aber lasst mich gleich zu Beginn die Gelegenheit nutzen, um zu wiederholen, dass das Jahr 2020 für immer als das Jahr in Erinnerung bleiben wird, das massive Veränderungen unserer Lebensweise mit sich gebracht hat. Und obwohl ich weiß, dass Ihr sicher schon einige Artikel über die Auswirkungen von COVID-19 auf verschiedene gesellschaftliche Bereiche lesen musstet, finde ich es als NextPit-Redakteur, der in einem Land weit weg vom Westen lebt (Indien, um genau zu sein), wichtig, dass ich Euch meine Meinung zu einem dieser Bereiche mitteile, über den in den letzten Monaten mit am meisten gesprochen wurde und der von COVID-19 stark beeinflusst wurde: Die Bildung.

Der Zweck dieses Artikels ist ganz simpel. Mit persönlichen Anekdoten bewaffnet, erzähle ich Euch von verschiedenen Entwicklungen, die dank der Notwendigkeit von E-Learning an Schulen und Bildungseinrichtungen einen positiven Einfluss auf Entwicklungsländer - in diesem Fall Indien - gehabt haben.

Aber zunächst solltet Ihr folgendes wissen:

E-Learning: Es ist nicht überall das Gleiche

Während die entwickelten Länder auf der ganzen Welt einen relativ reibungslosen und selbstverständlichen Übergang zum E-Learning vollziehen konnten, kann man das nicht über Länder sagen, in denen nicht die gleichen informationstechnischen und finanziellen Voraussetzungen gegeben sind. Hier in Indien, einem riesigen Land, das zugleich zu den am stärksten von COVID-19 betroffenen Ländern gehört, war der Wechsel von der Offline- zur Online-Bildung viel schwieriger als normal. Da die große Mehrheit der Menschen im Land immer noch in kleinen Dörfern lebt - oft mit wenigen oder sogar gar keinen digitalen Verbindungsmöglichkeiten - wurde die Anpassung an die moderne, glitzernde Welt des E-Learnings zunächst als weit entfernter Traum betrachtet.

Doch zur großen Überraschung der Inder selbst ist die Zahl der Studenten, die an Online-Kursen teilnehmen konnten, massiv gestiegen. Was noch überraschender war, war die Tatsache, dass viele dieser Teilnehmer oft zu den unteren Schichten der indischen Gesellschaft gehörten, die - wie ich bereits erwähnt habe - nur begrenzten Zugang zu so etwas nahezu Selbstverständlichem wie einem Smartphone hatten.

Wie der sprichwörtliche Silberstreif am Horizont hat es die Pandemie jedoch geschafft, in kürzester Zeit Millionen von Menschen, die bisher "offline" waren, in die virtuelle Welt des E-Learnings zu bringen. Das Interessante an dieser Veränderung ist die Tatsache, dass die Pandemie sowohl den Lehrern als auch den Schülern dabei geholfen hat, ihren (digitalen) Horizont zu erweitern und sich mit Interessensgebieten zu beschäftigen, von denen sie sonst nicht einmal wussten, dass sie existieren.

Die Geburt der technikaffiner Lehrer

Eine der positiven Auswirkungen der noch immer wütenden Pandemie ist, dass sie die Lehrer im Alleingang dazu gezwungen hat, neue Lehrmethoden anzuwenden und ihre Fähigkeiten als Online-Präsentatoren zu verbessern. In der relativ kurzen Zeitspanne von neun Monaten ist es nun für Schüler und Lehrer selbst in den entlegensten Winkeln meines Heimatlandes ein alltäglicher Anblick geworden, günstige Smartphones oder Tablets dazu zu benutzen, um Bildung entweder zu vermitteln oder einen Zugang zu ihr zu bekommen.

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Mit Webcams und günstiger Hardware werden Lehrer auf aller Welt zu Remote-Dozenten. / © NextPit

Für Lehrer hat die Pandemie auch dazu geführt, dass sie ihre Fähigkeiten als Vollzeit-E-Learning-Lehrer verbessern konnten. Viele Grund- und Sekundarschullehrer, die zuvor noch nie Smartphones oder Laptops benutzt hatten, fanden sich innerhalb weniger Monate dazu in der Lage, sich an die Veränderungen anzupassen und Vorlesungen über Zoom-Calls oder Microsoft Teams zu halten. Eine meiner eigenen Cousinen, die Lehrerin an einer High School in der Stadt Mumbai ist, sitzt inzwischen stundenlange an einem Notebook, um PowerPoint-Präsentationen zu verfeinern, bevor sie in ihren virtuellen Schulkurs startet. Dieselbe Person hat vor nur nur neun Monaten fast nie einen Laptop benutzt - geschweige denn allein eine ganze Präsentation erstellt.

Dieser Paradigmenwechsel hat es den Lehrern nicht nur ermöglicht, technisch versierter zu werden, sondern auch, sich besser mit ihren Schülern zu verbinden. Das schiere Tempo, mit dem sich die Dinge verändert haben, ist verblüffend.

Am Ende geht es um die Schüler

Während die indischen Lehrer sicherlich von der Umstellung auf E-Learning profitiert haben, sind der größte Nutznießer davon - und das zu Recht - die Schüler und Studenten. Für die große Mehrheit von ihnen hat die Öffnung des E-Learnings durch COVID-19 dazu beigetragen, dass sie Zugang zu Ressourcen und Informationspools erhalten haben, zu denen sie vorher einfach keinen Zugang hatten.

In Indien ist es nicht unüblich, dass Eltern ihre Kinder vom Internet fernhalten, um sie vor den "Gefahren" der Pornografie und anderen Fallstricken, die üblicherweise mit dem Internet verbunden sind, zu schützen. Um es ganz offen zu sagen: Das Internet wurde allgemein als etwas betrachtet, von dem man sich besser fernhalten sollte. Das Aufkommen von E-Learning hat es jedoch geschafft, diese Mentalität komplett umzukehren. Eltern haben zum ersten Mal begonnen, das Internet mit etwas Positivem zu assoziieren. Die Entwicklung geht sogar so weit, dass sie ein Stadium erreichen konnte, in dem wohlhabende Eltern nun bereitwillig Geld investieren, um ihren Kindern die neuesten Laptops oder Smartphones zu kaufen.

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Das wiederum hat dazu geführt, dass die Zahl der Schüler, die frühzeitig Zugang zu Computern erhalten, stark angestiegen ist. Dies hilft ihnen laut Studien dabei, sich für alternative Karrieremöglichkeiten wie Programmieren, Animation und Informatik zu interessieren. Es mag für viele im Westen überraschend sein - aber in Indien haben Eltern auch heute noch ein großes Mitspracherecht, wenn es um den Karriereweg ihrer Kinder geht. Das Ergebnis davon? Eine große Mehrheit der Schüler denkt einfach nicht über traditionelle Studiengänge wie Ingenieurwesen, Medizin oder Geisteswissenschaften hinaus.

Die Eltern haben nun auch begonnen, zu verstehen, dass E-Learning-Techniken den Schülern die Möglichkeit geben, auf ihre Lehrmaterialien zuzugreifen oder ihre Kurse zu besuchen und sie in ihrem eigenen Tempo zu verstehen. Außerdem ist es offensichtlich, dass der Einsatz von Videos, Bildern und Folien den Neugier-Quotienten unter den Schülern erhöht hat, die es bisher gewohnt waren, "langweilige" Monologe von Lehrern zu hören. Obwohl vielleicht nichts den Vorteil übertrifft, einen guten Lehrer in der Nähe der Schüler zu haben, um ihnen bei Fragen in persona zu helfen, haben Schüler und Eltern langsam aber sicher erkannt, dass E-Learning den Schülern eine zumindest vergleichbare Erfahrung bietet.

Der vielleicht größte Vorteil, von dem einige gesagt haben, dass sie ihn erleben durften, ist die Tatsache, dass sie jetzt Zugang zu weitaus besseren Lehrern haben, als sie es ursprünglich hatten. Die Schüler und Studenten müssen sich nicht mehr mit Lehrern abfinden, mit denen sie sich nicht gut verstanden haben.

Die Metamorphose des E-Learnings während COVID-19

Wenn ich beim Thema E-Learning in Indien bleibe, wäre es jedoch unaufrichtig von mir, die Tatsache zu ignorieren, dass der E-Learning-Bereich selbst in einer relativ kleinen Zeitspanne von weniger als einem Jahr eine echte Metamorphose durchlaufen konnte. Während "E-Learning" und "Ed-Tech" nur Schlagworte waren, die man nur in Firmenmeetings und in Startup-Kreisen hörte, sind diese Begriffe jetzt weitaus bekannter und haben sich gewissermaßen demokratisiert.

salas 2  Mit Videokonferenz-Tools wie Google Meet, Zoom oder Microsoft Teams ist E-Learning auch mit vielen Teilnehmern möglich.  / © Google

Ein weiterer Bereich, in dem es eine große Veränderung gegeben hat, ist die Art und Weise, wie E-Learning-Firmen in Indien ihr Geschäft betreiben. In der Prä-Covid-Ära lag der Schwerpunkt von E-Learning vor allem auf der Erwachsenenbildung, auf Spezialkursen und in einigen Fällen auf der Schulung von Unternehmen. Dies änderte sich grundlegend, als die Pandemie Ed-Tech-Firmen - und in einigen Fällen ganze Regierungen auf der ganzen Welt - dazu zwang, E-Learning als eine moderne, intelligente - und in einigen Fällen sogar einzige - Möglichkeit zu betrachten, Schülern einer viel jüngeren Altersgruppe Grund- und Sekundarschulbildung zu vermitteln. Ist es dann eine Überraschung, dass das weltweit am höchsten bewertete Ed-Tech-Startup Byjus seinen Sitz in Indien hat?

Was bringt die Zukunft?

E-Learning wird langsam zur Norm auf der ganzen Welt - besonders in den Schwellenländern - und immer mehr Menschen erleben die positiven Aspekte, die es mit sich bringt. Infolgedessen könnte die Zahl der Lehrer und Schüler, die neuere E-Learning-Techniken nutzen, weiter ansteigen. Sicher ist auch der verstärkte Einsatz von Technologie - insbesondere von KI-Technologie, die eine Vielzahl von Aspekten des E-Learnings umfasst. In der Tat könnten wir auf eine Zukunft blicken, in der E-Learning die Norm sein wird und traditionelle Lehrmethoden der alten Schule passe' sind.

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7 Kommentare

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  • Als angehender Grundschullehrer: Chapeau! Das ist Mal ein Artikel, der sich in unseren Kultusministerien verbreiten sollte; wird gleich Mal verbreitet. Danke Danke 🤎


  • Interessanter Einblick, vielen Dank dafür! Hierzulande habe ich eher den Eindruck von Stagnation und Rückschritt, was aber vermutlich auch daran liegen dürfte, dass wir verlernt haben selbst in Krisenzeiten an einem Strang zu ziehen. Viel zu viele stellen das Wohl des Einzelnen (das eigene) über das der Gemeinschaft und Egoismus und überzogenes Anspruchsdenken haben noch nie zu einer fruchtbaren Kooperation geführt. Ich habe durch Covid viel über unsere Gesellschaft gelernt, leider nicht viel Gutes. Schön zu hören, dass es andernorts besser funktioniert.


    • Fabien Roehlinger
      • Admin
      • Staff
      vor 1 Monat Link zum Kommentar

      Schade, dass das Thema offenbar so wenige Menschen hier interessiert. Dabei empfinde ich das Thema selbst als höchstspannend. Natürlich ist Indien weit weg, aber in Sachen Digitalisierung sind wir hier in Deutschland auch oft die Diaspora.


      • C. F.
        • Blogger
        vor 1 Monat Link zum Kommentar

        Meine Frau eröffnet im Januar eine Nachhilfeschule. Digitalisierung steht da an erster Stelle. Die Hürden sind hoch...


      • Fabien Roehlinger
        • Admin
        • Staff
        vor 1 Monat Link zum Kommentar

        Das sind ehrlich gesagt sehr gute Nachrichten. Vor einigen Monaten, beim ersten Lockdown, hatten die Schulen noch durchaus Probleme. Jetzt sieht es in Sachen digitaler Schule schon deutlich besser aus. Ich hoffe wirklich sehr, dass dies ein Trend ist.

        Vielleicht stimmt es ja, wenn man sagt: Never waste a crisis.


      • C. F.
        • Blogger
        vor 1 Monat Link zum Kommentar

        Viel besser sieht es im Moment an den Schulen nicht aus. Primäres Thema: DSGVO konforme Messenger und Konferenztools. Da gibt es einige Eigenkreationen von Schulen, die das schon länger als Thema haben, aber die breite Masse hat nichts. Vieles was gut ist, fällt einfach durch den Datenschutzrost: Zoom zum Beispiel. Es gibt leider nicht DIE Lösung, sondern nur einige einzelne. Der digitale Flickenteppich bleibt leider vorerst bestehen...

        @Fabien:

        Das wäre doch mal eine Herausforderung an Euch: einen Artikel über kostenlose, datenschutzkonforme Videokonferenzsysteme für alle Betriebssysteme und somit für die breite Masse

        https://www.datenschutz-berlin.de/fileadmin/user_upload/pdf/orientierungshilfen/2020-BlnBDI-Hinweise_Berliner_Verantwortliche_zu_Anbietern_Videokonferenz-Dienste.pdf


      • Du gehst vermutlich von den Aufrufzahlen aus. Oder auch von der Anzahl der Kommentare oder dem Verhältnis zu den Aufrufen des Artikels?

        Ich kann die Situation in Indien nicht beurteilen. Selbst für Deutschland fällt es mir nicht leicht. Es gibt auch bei uns weiße Flecken, die kein oder bestenfalls langsames und wackeliges Internet haben. Es gibt auch bei uns Familien, die nicht alle Kinder mit eigenen Geräten ausstatten können.

        Die Berichte und Diskussionen verfolge ich dennoch mit Interesse. Es betrifft ja viele Ebenen. Sei es der Datenschutz oder die unterschiedlich ausgeprägte pädagogische Medienkompetenz der Lehrer. Ganz zu schweigen, dass Geräte angeschafft werden und man dann feststellt, dass man gar kein WLAN hat. Oder dass das vorhandene WLAN nur von der Verwaltung genutzt wird und man dort nicht einfach Schüler (schon gar nicht in so großer Anzahl) reinlassen kann.

        Der Neuaufbau wird gerne mit dem Aufwand zu Hause verglichen. Dass jedoch ein großes Gebäude ganz andere Dinge erfordert, um vollständig ausgeleuchtet zu sein und auch die Bandbreite des Gebäudeanschlusses bei ein paar hundert oder sogar mehr als tausend Schülern, mehr Planung und Kosten bedeuten, scheint viele zu überraschen.

        Schließlich ist ein WLAN alleine sinnlos, wenn es kein E-Learningsystem gibt.

        Diesbezüglich wird Corona hoffentlich auch bei uns eine nachhaltige Änderung bedeuten.

        Interesant fand ich den Vortrag "Mathematikvorlesung auf den Kopf gestellt" von Prof. Dr. Christian Spannagel: https://www.youtube.com/watch?v=L0xTXGahEus
        Noch interessanter ist die Tatsache, dass der Vortrag vom 31.05.2016 (!) ist.

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