Vielleicht habt Ihr es schon bemerkt, aber mein Gesicht ist im Moment überall auf der Website zu sehen. Ja, ich habe seit August einen Test nach dem anderen durchgeführt – genau wie meine Kollegen von NextPit.de und NextPit.com. Fast alle Modelle, die mir diesen Herbst in die Finger gekommen sind, sind Flaggschiffe.

Da waren beispielsweise das Galaxy Z Fold 4 oder das iPhone 14 Pro Max – und das ist in der Smartphone-Hochsaison normal. Wie jedes Jahr gibt es den Techtember (im September) und den Techtober (im Oktober), in denen Tech-Medien völlig von neuen High-End-Smartphones in Beschlag genommen werden.

Und das ist großartig. Die Datenblätter lassen einen träumen. Die Geräte sind cool. Der Content macht Spaß, egal ob geschrieben oder als Video. Und vor allem: Das Interesse ist enorm, und es wird geklickt. Aber wer ist wirklich die Zielgruppe für diese Modelle? Wer wird im Jahr 2022 wirklich das neue iPhone 14 Pro Max für 1479 Euro oder das neue Samsung Galaxy Z Fold 4 für 1799 Euro kaufen? NIEMAND! Also gut, aber weniger als 10 Prozent der Nutzer vielleicht.

Wen spreche ich an, wenn ich all diese Tests durchführe? Das ist die Frage, die ich mir stelle und die mich dazu veranlasst hat, diesen Artikel zu schreiben.

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Das Xiaomi 12T Pro hat meiner Meinung nach ein viel realistischeres Preis-Leistungs-Verhältnis als andere Android-Flaggschiffe. / © NextPit Bildquelle: NextPit

Rückkehr zu realistischeren Preisen

Wenn ich nur nach dem reinen Datenblatt argumentiere, ist der Wechsel vom iPhone 14 Pro Max als Alltag-Smartphone zum Testen eines Xiaomi 12T Pro ein ziemlicher Abstieg.

Aber wenn ich auch nur für die Dauer eines Artikels von meinem Podest als Tech-Journalist herunterkomme, der seit fast fünf Jahren kein einziges Smartphone mehr gekauft hat: Wenn ich ausnahmsweise einmal wie ein Verbraucher in der realen Welt denken würde, in der die Kaufkraft sinkt und die Inflation steigt, dann wird das Xiaomi 12T Pro sofort viel interessanter.

Nicht nur das Produkt an sich wird für mich als unterbezahlten Schreiberling, der nie und nimmer 1.000 Euro für irgendein Produkt ausgeben würde, sexyer. Aber auch das von Xiaomi sorgfältig gewählte Timing, ein solches Produkt zu einem solchen Preis auf den Markt zu bringen, ist sehr, sehr smart.

Apple iPhone 14 Pro Max
Ich würde gerne wissen, wie viele von euch wirklich vorhaben, dieses Jahr das iPhone 14 Pro Max zu kaufen / © NextPit Bildquelle: nextpit

Denkt Ihr, es ist ein Zufall, dass Xiaomi ein Premium-Mittelklasse- und ein erschwingliches High-End-Gerät auf den Markt bringt, nachdem Apple mit seinem iPhone 14, das teurer ist als je zuvor, die Sau rausgelassen hat? Natürlich nicht. Und ebenso klar: Es wird immer einen Käufer für das iPhone und auch das faltbare iPhone geben. Es wird immer jemanden geben, der reicher ist – jemanden, der ein noch teureres Produkt kauft als man selbst sich leisten möchte. Das ist eine Tatsache. Die Hersteller sind sich dessen vollkommen bewusst. Aber dann muss die Nische der Ultra-Premium-Smartphones auch eindeutig als solche betrachtet werden.

Wenn Apple z. B. davon ausgeht, sein iPhone 14 Pro Max mit 1 TB für über 2.000 Euro oder sein iPhone 14 Basismodell mit 512 GB für 1.409 Euro zu verkaufen, muss man in Cupertino auch davon ausgehen, die Mehrheit der potenziellen Käufer auszuschließen. Es ist einfach unfassbar viel Geld. Wenn das Flaggschiff mehr als 1.000 Euro kostet, liebe Hersteller, könnt Ihr kaum behaupten, dass es für mich, für uns alle gemacht wurde. Steht dazu, mir zu sagen, dass ich zu arm bin, um zu Euren Nutzern zu gehören.

Xiaomi ist weder die Wunderlösung noch ein Beispiel für Tugendhaftigkeit.

Dennoch möchte ich mich auch nicht in einen Kommunikator für Xiaomi verwandeln. Der Hersteller ist kein Volksheld, nicht die letzte Bastion bezahlbarer Smartphones und auch nicht der große Paladin, der die kleinen Leute verteidigt. Nein, das Xiaomi 12S Ultra wird, wenn es endlich in Deutschland auf den Markt kommt, ebenfalls vierstellig kosten, vermutlich sogar deutlich.

Aber: Ich finde, dass Xiaomi immer noch der Hersteller ist, der am wenigsten streng auf seine Produktreihen achtet. Samsung oder Apple lassen Euch dafür bezahlen, dass Ihr ihre Flaggschiffe nicht kauft. Kauf Ihr eines der günstigeren Modelle, lassen Euch die beiden den Unterschied in der Produktpalette deutlich spüren. Die Idee dahinter ist, dass Ihr Euch bewusst seid, dass Ihr nicht das Beste vom Besten gekauft habt.

Wenn Ihr von einem Galaxy S22 zu einem Galaxy A53 wechselt, werdet Ihr den Unterschied spüren. Es gibt einen Grund, warum das Galaxy S22 FE abgesagt wurde (natürlich nicht der Hauptgrund, aber trotzdem). Wenn Ihr von einem iPhone 14 zu einem iPhone SE 2022 wechselt, werdet Ihr noch einmal die sehr deutliche Abwärtsentwicklung spüren.

Beim Xiaomi 12T Pro und sogar beim Xiaomi 12T dagegen hat man einfach nicht das Gefühl, dass Xiaomi irgendwie das Produkt künstlich drosselt. Die Smartphones geben dem Nutzer trotzdem das Gefühl, ein Premiumprodukt in den Händen zu halten – aber eben zu einem erschwinglichen Preis.

Nothing Phone (1) vu du dessus avec le design au dos
Das Nothing Phone (1) ist das perfekte Beispiel für ein erschwingliches Mittelklasse-Smartphone, das ein Premium-Feeling bietet. / © NextPit. Bildquelle: NextPit

Ich meine hier explizit keine Flaggschiff-Killer – dieses Konzept ist tot und begraben. Vielmehr meine ich das allgemeine Wertigkeitsgefühl und gleichzeitig die richtigen Kompromisse – und das gibt’s nur, wenn in der Produktentwicklung nicht geschlampt wird. Ein Rahmen aus Plastic statt aus Aluminium oder Edelstahl. Keine IP-Kennzeichnung für die Wasserdichtigkeit. Ein beschissener 2-MP-Makrosensor, um das Datenblatt aufzublähen. 

Ich finde, dass es mehr Sinn macht, sich für einen Plastikrahmen zu entscheiden, um den Preis zu senken, als beispielsweise das gleiche SoC wie im letzten Jahr beizubehalten, aber gleichzeitig den Preis des neuen Modells zu erhöhen.

Die große Einschränkung meiner Argumentation ist, dass die Preise von Android-Flaggschiffen kurz nach ihrer Einführung drastisch sinken. Ich kann ohne Probleme ein Samsung Galaxy S22 für weniger als 800 Euro auf Amazon finden – und ich verstehe, dass man die UX des Samsung-Flaggschiffs der des Xiaomi 12T Pro vorziehen kann. Aber dieses Argument der Preissenkungen gilt auch für Xiaomi-Smartphones. Es ist jetzt schon für 799,90 Euro interessant, aber in drei Monaten wird es noch interessanter sein, wenn es 100 oder gar 200 Euro weniger kostet.

Was denkt Ihr darüber? Findet Ihr meine Überlegungen zu einfach gestrickt? Denkt Ihr, ich überschätze die Attraktivität des Xiaomi 12T Pro oder unterschätze die Anzahl der Nutzer, die Smartphones für 1000 Euro oder mehr kaufen? Was sagt die NextPit-Tech-Blase dazu?