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Cyborg im Selbsttest: Start-Up macht mich zum "Ultrahuman"

ultrahuman cyborg needle
© Ultrahuman, Collage: NextPit

"Cyborgs" nennt Ultrahuman seine Kunden – und verkauft ihnen Sensoren, die über ein dünnes Filament in den oberen Hautschichten kontinuierlich den Blutzucker erfassen. Die Messwerte sollen Ernährung und Fitness revolutionieren. NextPit hat mit dem CEO und Gründer Mohit Kumar gesprochen.

Ist die Banane gesund – ja oder nein? Die richtige Ernährung ist auch auf den zweiten Blick ein undurchdringliches Thema. Während bei manchen Menschen eine Banane den Blutzuckerspiegel nur unmerklich ansteigen lässt, schießt dieser bei anderen durch die Decke – während es sich bei den gleichen Personen bei Keksen exakt andersherum verhält, wie eine israelische Studie mit knapp 47.000 Mahlzeiten zeigt. 

Aber wenn all die Ernährungsratgeber nur Annäherungen sind: Wie bekommt man seine Ernährung auf die Reihe? Gerade, wenn zu allem Überfluss die Reaktion auf bestimmte Nahrungsmittel nicht nur vom jeweiligen Körper abhängt, sondern auch von dessen Tagesform – etwa von der Schlafqualität oder dem Stresslevel. 

Ein vielversprechender Ansatz besteht in der kontinuierlichen Messung des Blutzuckerspiegels. Gerüchte um eine Apple-Smartwatch mit Glucose-Sensor sind nicht umsonst älter als die Apple Watch selbst. Doch auch im Jahr 2022 liegt die optische Messung des Blutzuckerspiegels noch einige Jahre in der Ferne.

Ultrahuman verfolgt einen anderen Ansatz – und will seine Kunden in Cyborgs verwandeln. Das indische Startup setzt auf kommerziell erhältliche Sensoren aus dem Medizinbereich, um den Blutzuckerspiegel kontinuierlich zu messen und die Ergebnisse per App auszuwerten und darzustellen.

Die Sensoren verstecken sich dabei in einem flachen Sensor im Espressotassen-Durchmesser, der als Pflaster jeweils zwei Wochen kontinuierlich getragen werden kann. Und jetzt der Teil für die Nackenhaare: Nach dem Aufkleben des Sensors schießt per Knopfdruck eine kleine Nadel ins Gewebe – und bleibt dort während der gesamten Tragedauer. Die gute Nachricht für Euch: Ich werd das demnächst für Euch ausprobieren.

Frau mit Ultrahuman-M1-Sensor
Der Sensor hat etwa den Durchmesser einer Espresso-Tasse. / © Ultrahuman

Warum Blutglucose als Metrik?

Zucker – beziehungsweise genauer: Glucose – ist die primäre Energiequelle unseres Körpers. Wird der Zucker nicht direkt als solcher zugeführt, gewinnt ihn der Körper mehr oder weniger schnell aus der zugeführten Nahrung oder aus den diversen körpereigenen Speichern. Unsere Zellen nutzen Glucose, um ATP zu erzeugen, das wiederum unsere Muskelfasern kontraktieren lässt. Ein hoher Blutzuckerspiegel bedeutet, dass wir gerade viel Energie zur Verfügung haben – bei einem niedrigen Blutzuckerspiegel fühlen wir uns schlapp, physisch wie psychisch, denn auch das Gehirn benötigt Zucker, um zu funktionieren.

Genau hier setzt nun Ultrahuman an und möchte von der sogenannten Präzisionsernährung – also vom auf den Körper individuell abgestimmten Ernährungsplan – noch einen Schritt weiter gehen. Der CEO Mohit Kumar möchte es seinen Usern ermöglichen, sich je nach anstehender Aktivität perfekt mit dem entsprechenden Blutzuckerspiegel vorzubereiten – oder beispielsweise auch auf die Auswirkungen einer üppigen Mahlzeit zu reagieren. 

Von der Präzisionsernährung zum Präzisionslifestyle

Während für den Alltag ein Blutzuckerspiegel zwischen 70 und 110 mg/dl ideal ist, bietet der Körper bei 80 bis 140 mg/dl eine erhöhte Leistungsfähigkeit. Und auch je nach Sportart eignet sich eine andere Vorbereitung. Für eine kurze, intensive HIIT-Einheit etwa sind Werte über 110 mg/dl ideal, etwa durch einen Pre-Workout-Drink mit kurzkettigen Kohlenhydraten. Während eines Langstreckenlaufs dagegen sollte der Spiegel eher niedriger liegen, dafür aber durch die entsprechende Ernährung langsam und kontinuierlich nachgefüllt werden.

In vielen Sportarten gehört es längst zum Alltag, die Sportler durch eine präzise abgestimmte Ernährung zum exakt richtigen Zeitpunkt bei maximaler Leistungsfähigkeit zu halten. Wenn die Spieler von Real Madrid in den letzten Spielminuten noch eine extreme Leistung bringen können, dann ist das nicht nur Glück oder eine mentale Meisterleistung, sondern auch Wissenschaft. Ultrahuman beispielsweise arbeitet in Indien viel mit Muay-Thai-Athleten zusammen.

Für Hobbysportler rettet der richtige Blutzuckerspiegel zum richtigen Augenblick zwar nicht die Teilnahme am CL-Finale, ist aber auch der Gesundheit zuträglich. Bei einem Langstreckenlauf etwa sorgt ein durch ungünstige Supplementierung schwankender Blutzuckerspiegel zu Insulinspikes und oxidativem Stress, so Mohit Kumar im Gespräch mit NextPit.

Ultrahuman-App
Die Ultrahuman-App zeigt Euch nicht nur die Messwerte, sondern bietet auch konkrete Empfehlungen. / © Ultrahuman

Ultrahuman und die „faule“ Firma

Ursprünglich bin ich nicht durch die App oder die Sensoren auf Ultrahuman aufmerksam geworden, sondern durch die Übernahme einer anderen Firma: LazyCo. Das indische Startup hat sich darauf spezialisiert, alltägliche Aufgaben durch Wearables zu vereinfachen – denn wir sind ja alle faul. Wie passt das jetzt mit den Cyborgs von Ultrahuman zusammen?

Mohit Kumar zufolge ist der Fall klar: Jeder möchte fit sein, aber neben den anstrengenden Sport-Einheiten auch noch mühsam sein Leben protokollieren. Das Sammeln der Körperdaten soll unauffällig im Hintergrund geschehen – und künftig eben nicht nur durch eine Nadel im Arm, sondern auch durch ein Wearable, beispielsweise am Handgelenk, das durch Messung von Herzfrequenzvariabilität, Hauttemperatur oder Schlaf Ultrahuman ermöglicht, ein vollständigeres Bild des User-Metabolismus zu erfassen.

Apropos: Bei Blutzucker ist Mohit Kumar zufolge noch lange nicht Schluss: Bis Ende des Jahres hofft Ultrahuman, zumindest selbst Zugriff auf Sensoren für Ketone (Messung der metabolischen Flexibilität), Laktat (Erfassen der anaeroben Schwelle) und Alkohol zu bekommen. Alle drei Sensoren würden wie jener für den Blutzucker invasiv funktionieren. 

Wie weitreichend die Auswirkungen unseres Lebensstils sind, zeigte jüngst eine Studie aus Deutschland, derzufolge der Lebensstil bis zu 17 Jahre Lebenszeit Unterschied machen kann. Ich warte jedenfalls gerade fiebrig auf mein eigenes Sample der Ultrahuman M1 – wenngleich ich der Nadel im Arm mit gemischten Gefühlen entgegenblicke. Die ersten Eindrücke, wie man als Cyborg lebt, lest Ihr in den nächsten Wochen und Monaten auf NextPit. Was wollt Ihr wissen? Was interessiert Euch?

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3 Kommentare

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  • Torsten vor 4 Monaten Link zum Kommentar

    Am interessantesten wär für mich, wie die Daten gesichert sind. Besteht Cloud Zwang, hat der Hersteller gar Zugriff darauf, geht es sie nur lokal zu belassen...


  • Maximilian HE vor 4 Monaten Link zum Kommentar

    Seit ich 12 bin bin ich Typ 1 Diabetiker.
    Ich nutze seit etwa einem Jahr den Freestyle Libre 3. Das Konzept ist ähnlich, die App noch etwas dürftig jedoch ist es einfach so viel angenehmer den Wert jede Sekunde auf dem Smartphone zu haben, statt sich klassisch in den Finger stechen zu müssen.
    Die Nadel wirst Du nicht spüren. Diese wird durch den Apparat in den Arm geschossen (ich nutze dazu die Innenseite des Oberams und spüre nichts.)

    Konkurrenz belebt das Geschäft. Bin gespannt auf die Konkurrenz.


  • Tobias G. vor 4 Monaten Link zum Kommentar

    Cool, dann kenne ich bereits Cyborgs, die Diabetes haben. Dort gibt's diese Nadeln schon etwas länger ;)

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