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Blick in die Glass-Kugel: Wann kommt Apples VR/AR-Brille?

Apple Glasses
© tembai, Jimmy Yan, fireFX / Shutterstock.com, Montage: NextPit

Das ganze Jahr über testen wir verschiedene Geräte und berichten über die interessantesten Dinge aus der Tech-Welt. Ein paar Tage vor dem Jahresende ist es jedoch unvermeidlich, sich auch daran zu erinnern, was nicht passiert oder veröffentlicht ist. Erneut gab es keine Apple Glass. Apple investiert seit 2017 in Augmented Reality und das AR Kit. Mittlerweile schreiben wir das Jahr 2022 und wieder einmal erwiesen sich Gerüchte und Vorhersagen als reine Spekulationen. Deshalb frage ich mich: Warum gibt es Apple Glass noch nicht?

Am 21. Oktober 2019 veröffentlichte Bloomberg einen Artikel, in dem es hieß: "Apples Smart Glass könnte 2020 zum AR-Jahr machen". Seitdem versorgte uns die Publikation mit vielen Insiderinformationen über den Einstieg des Giganten aus Cupertino in den Markt für Virtual-, Augmented- und Mixed-Reality-Geräte. Heute wissen wir: 2020 wurde für Apple nicht zum Jahr der AR – ebenso wenig wie 2021 oder 2022.

Das sorgt natürlich für Frustration, schließlich hat Apple einen Trumpf in der Hand, den Unternehmen wie Meta, Pico, Microsoft und HTC Vive nicht haben: das iPhone. Dieses Gerät hat genug Power, um eine Augmented-Reality-Brille zu betreiben und letztendlich als nützliches Werkzeug für den Endverbraucher zu fungieren. Und wenn man die Entwicklungsbilanz von Produkten wie der Apple Watch betrachtet, scheint mir das Unternehmen eines der wenigen zu sein, das eine echte Chance hat, eine wirklich funktionale, eigenständige smarte Brille zu präsentieren.

Eine Simulation der Verpackung der Apple View Glass
Apple Glass scheint weiter von einer Markteinführung entfernt als im Jahr 2019 befürchtet! / © Mr.Mikla/Shutterstock

Darüber hinaus ist Apple wahrscheinlich das Unternehmen, dass die meisten AR-Apps für Verbraucher entwickelt oder AR-Apps von Drittanbietern auf seinen Geräten vermarktet. Aus diesem Grund verfügt Apple über ein Ökosystem von Apps, das sofort mit seinen AR-Geräten genutzt werden kann. Außerdem haben hohe Preise Apple noch nie davon abgehalten, ein Gerät anzukündigen.

Schlussendlich führt eine Person das Unternehmen, die bereits deutlich machte, dass AR das nächste große Ding ist. Im September dieses Jahres sagte Apple-CEO Tim Cook, dass Augmented Reality eine "tiefgreifende Technologie" sei, die alles beeinflussen könne. Mehr noch: In 10 Jahren soll sie sogar das iPhone ersetzen.

Und? Warum gibt es die Apple Glass noch nicht?

Branchenberichten zufolge arbeitet Apple bereits seit 2015 an seinem Mixed-Reality-Device. Seitdem berief das Unternehmen rund 2.000 Mitarbeiter in ein Team, das als Technology Development Group (TDG) bekannt ist. Bloombergs Apple-Experte Mark Gurman enthüllte im Mai, dass die TDG an zwei speziellen Brillen arbeitet: einer Standalone-Brille für AR (Codename N421) und einem Extended-Reality-Device (Codename N301).

Das ist zwar nichts Neues, aber der Punkt ist, dass das eine von der Veröffentlichung des anderen abhängt. In diesem Fall wird die Apple Glass erst einige Jahre nach der Veröffentlichung von Reality One und Reality Pro – wie Apples Mixed-Reality- oder Extended-Reality-Brillen heißen sollen – Realität werden.

Ok, aber: Warum gibt es die Mixed-Reality-Brille von Apple noch nicht?

Laut TDG-Insider-Quellen machen den Ingenieuren drei große Herausforderungen zu schaffen, die eine Markteinführung der XR-Brille behindern: Dabei geht es um den Content, um die Kamerafähigkeiten und um die Überhitzung der Hardware.

Um die Auswirkungen dieser Probleme besser zu verstehen, sprach ich mit Anna Carolina Queiroz. Sie ist Wissenschaftlerin am Virtual Human Interaction Lab der Stanford University. Ihrer Meinung nach gibt es trotz der Fortschritte in den letzten Jahren noch viel zu tun, um komfortable und benutzerfreundliche MR-Brillen zu entwickeln. Selbst für Unternehmen wie Apple kann es noch dauern, bis sie einen hohen Standard in Sachen Design, Ergonomie und Benutzerfreundlichkeit erreichen:

Es gibt immer noch Einschränkungen in Bezug auf das Sichtfeld der Linsen, die Bilderkennung ohne Marker und die Latenzzeit (die oft von einer Internetverbindung abhängt). Höchstwahrscheinlich bringt Apple seine Geräte auf den Markt, wenn es ein Gleichgewicht zwischen diesen Faktoren gefunden hat, das den Nutzern ein benutzerfreundliches Erlebnis in Verbindung mit ihren täglichen Gewohnheiten bietet.

Das Bild zeigt ein Mockup der Apple Reality Pro, von Ian Zelbo.
So könnte das mögliche Design der Apple Reality One/Apple Reality Pro bei Marktstart aussehen. / © Ian Zelbo

Und als wären die Herausforderungen im Bereich der Hardware-Entwicklung nicht schon schwierig genug, diskutieren wir seit einiger Zeit auch das Thema "Content", wenn wir über Geräte wie VR, AR und MR sprechen. Eine der interessantesten Beobachtungen zu diesem Thema stammt meiner Meinung nach von Paolo Pescatore, einem Technologieanalysten bei PP Foresight. In einem Interview für MarketWatch erklärt er, dass der Markt für VR und AR "immer noch wie eine Lösung auf der Suche nach einem Problem wirkt". Mit anderen Worten: Trotz verschiedener Anwendungsfälle rund um die Technologie fehlt es ihr immer noch an echter Attraktivität.

Wir brauchen also mehr als ein neues Produkt, um FaceTime in der VR zu nutzen. Während einige Experten auf das Fehlen der sogenannten "Killer-App" hinweisen, glaubt Anna Carolina, dass die Lösung weit über eine disruptive Anwendung hinausgeht. Nach Meinung der Forscherin müssen Kommunikationsgeräte wie VR, AR und MR einfach zu bedienen sein und mehrere Einsatzmöglichkeiten bieten, damit sie dauerhaft genutzt werden und die Investition rechtfertigen:

Die Entwicklung von qualitativ hochwertigen Apps für VR, AR und MR ist kostspielig und zeitaufwändig. Es wird ein multidisziplinäres Team benötigt, das unter anderem aus VR-Programmierern, 3D-Designern, Drehbuchautoren, Video-Editoren sowie Video-, Sound- und Interaktionsproduzenten besteht. Obwohl der Markt für VR/AR/MR-Apps in den letzten zwei Jahren stark gewachsen ist, muss er noch weiter reifen, um eine konsequente Nutzung und Akzeptanz zu fördern.

Zusammengefasst: Wann wird die Apple Glass kommen?

Die Apple Watch ist seit 2015 auf dem Markt und machte im letzten Geschäftsjahr neun Prozent der Produktverkäufe von Apple aus – und das in Verbindung mit Smart-Home-Geräten. Nach der Einführung wurde das Gerät schnell zur meistverkauften Smartwatch auf dem Markt. iPhones dominieren aktuell den US-Markt, und iPads sind die meistverkauften Tablets der Welt. Auf jeden Fall hat Apple eine sehr solide Erfolgsbilanz im Bereich Produkte und Software. Kein Wunder, dass der Einstieg des Unternehmens in die AR/VR-Gerätebranche mit Spannung erwartet wird.
 
Im Gegensatz zu anderen Unternehmen in der Branche entwickelt Apple seine Produkte jedoch in der Regel nicht "on the fly". Daher glaubt Queiroz, dass das Unternehmen trotz des Hypes zunächst einige Herausforderungen in den Bereichen Optik, Design und Benutzerfreundlichkeit lösen wird, bevor es die XR-Headsets offiziell auf den Markt bringt:
Es wird erwartet, dass Apple die Entwicklung in diesen Bereichen sprunghaft vorantreiben wird. Außerdem wird eine solidere Integration zwischen AR/VR/MR-Devices und anderen täglich genutzten Geräten wie Computer, Smartphones und Smartwatches erwartet. Diese Integration ist noch schwach ausgeprägt. Es wird erwartet, dass Apple diese Integration stärkt und die MR-Geräte zu einer Erweiterung dessen macht, was wir bereits jeden Tag intuitiv und einfach nutzen.
Auch wenn sich Apple nicht zu diesem Thema äußerte, erwarten Marktanalysten und VR-Experten, dass Apple die Geräte Reality One und Reality Pro während der WWDC 2023 im Juni offiziell ankündigt. Erwartet wird, dass die Modelle in der ersten Hälfte des nächsten Jahres produziert werden und kurz nach der Präsentation in den Handel kommen.
 
Im Gegensatz zu den Erwartungen von 2019 sagt Mark Gurman jedoch, dass der Konzern aus Cupertino die Apple Glass vielleicht erst später in diesem Jahrzehnt ankündigt. Die Forscherin von der Stanford University unterstützt diese Hypothese, denn sie glaubt, dass die Entwicklung dieser Geräte zwar unabhängig voneinander erfolgen kann, aber es ist zu erwarten, dass die Geräte später in der Entwicklung zu einem verschmelzen werden, wie wir es aktuell bei den Produkten von Meta erleben:
Die Meta Quest Pro ist ein Versuch, dies mit Hilfe der RGB-Passthrough-Funktion zu tun – das heißt, man kann mittels Außenkameras schnell von VR zu AR wechseln. Die Integration von Meta Quest Pro hat jedoch Nachteile für das VR- und AR-Erlebnis mit sich gebracht. Da das Gerät die periphere Sicht nicht vollständig blockiert, ist es im VR-Modus etwas unangenehm, da die Welt im AR-Modus durch Kameras realisiert wird, verursacht die Latenzzeit zwischen Körperbewegung und angezeigtem Bild Übelkeit (Motion Sickness). Apple arbeitet wahrscheinlich daran, diese Probleme zu lösen und wird wahrscheinlich ein Mixed-Reality-Gerät herausbringen, das AR und VR vereint. Aber Apple wird dies wahrscheinlich erst tun, wenn es ein Niveau an Komfort und Benutzerfreundlichkeit erreicht hat, das dem anderer Apple-Produkte entspricht.

Ganz offensichtlich sind Apples Augmented-Reality-Brillen noch nicht auf dem Markt, weil sie noch nicht adäquat benutzbar sind. Andere Unternehmen hat es in diesem Bereich offensichtlich nicht abgehalten: Google tat es 2013, Microsoft seit sieben Jahren und auch Meta hat sich diesem exklusiven Club inzwischen angeschlossen.

Auch ich als Early Adopter verstehe beim Lesen von Berichten zur Meta Quest Pro, warum Apple sich mit dem Einstieg in diesen Markt noch Zeit lässt. Wenn ein solches Gerät bei alltäglichen Aufgaben helfen soll, und nicht von Haus aus so grundlegende Funktionen wie das Herunterladen eines Bildes bietet, haben wir ein ernsthaftes Problem mit dem Konzept dieses Produkts, meint Ihr das nicht auch?

Camila Rinaldi

Camila Rinaldi

Seit über 10 Jahren teste ich Smartphones und andere Geräte. Auch wenn ich vor kurzem in das Apple-Ökosystem eingetaucht bin, ist Android immer noch eine meiner Leidenschaften. Früher war ich Chefredakteur von AndroidPIT und Canaltech in Brasilien, jetzt schreibe ich für den US-Markt. Ich bin (immer noch) auf Twitter (@apequenarinaldi)!

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