Sicherlich ist der modulare Aufbau ein wichtiger Punkt beim Fairphone. So kann man kaputte Komponenten – sei es das Display, den Akku oder auch die Kamera – einfach austauschen und das Smartphone potenziell länger nutzen. Doch auch, wo das, was drinsteckt, herkommt, ist wichtig. Schließlich finden sich in den Smartphones allerlei Metalle. In Deutschland liegen etwa 124 Millionen ungenutzte Geräte in Schubladen, schätzt der Branchenverband Bitkom. Die werden natürlich nicht recycelt und so braucht es immer weiteren Metallnachschub.

  • Fairphone 3 ausprobiert: Nachhaltigkeit in dritter Generation

Gerade der ständige Tausch für das nächste Flaggschiff wird da durchaus zum Problem. Das macht auch Laura schon zu Beginn unseres Gespräches deutlich, als ich sie frage, ob es okay ist, wenn ich das Gespräch mit einem iPhone aufzeichne. „Benutzte dein Smartphone so lange als möglich, das ist besser, als wenn du dir ein neues zulegst“, sagt sie.

laura gerritsen fairphone 1
Laura Gerritsen in einer konfliktfreien Wolfram-Mine in Ruanda. / © Fairphone Bildquelle: Fairphone

Wie schwierig ist es überhaupt, ein nachhaltiges Smartphone zu bauen? Fairphone beschäftige sich sehr mit der Lieferkette, sagt Laura. Denn in einem Smartphone stecken viele verschiedene Materialen, Fairphone konzentriert sich daher auf eine Auswahl. Man forsche viel. „Unser Einfluss ist natürlich überschaubar, da wir keiner der großen Player sind“, sagt Laura. Deshalb arbeite man auch mit anderen Firmen zusammen, um das Geschäft gemeinsam zu verändern – „es ist wirklich noch ein weiter Weg.“ Fairphones Fokus liegt derzeit auf acht Materialien, man müsse dies Schritt für Schritt angehen. Im Fairphone 3 stecken insgesamt gut 40 Materialien.

Gerade die verbauten Metalle sind interessant. Denn während in der Vergangenheit immer wieder Berichte zu den Arbeitsbedingungen in Smartphone-Fabriken – Stichwort Foxconn – auftauchten, ist relativ wenig über die Arbeit in den Minen bekannt. Laura, die einen Master in Conflict Studies und Human Rights hat, beschäftigt sich hiermit intensiv.

„Es ist paradox“

„Es ist paradox, wir alle benutzen elektronische Geräte, aber es ist so undurchsichtig, was überhaupt dahinter steckt“, sagt Laura. Um darüber aufzuklären, wurde Fairphone gegründet – und um die Probleme ans Licht zu bringen. Wie aber kann Fairphone die Bedingungen in den Minen, aus denen Gold, Kupfer oder Wolfram kommen, verändern? Man plane die Lieferkette für das Smartphone sehr genau, um die Herkunft eines jeden Materials nachvollziehen zu können. Unter anderem arbeitet Fairphone mit Fairtrade zusammen

Mit Hilfe von Fairtrade sei es etwa möglich, faire und nachhaltige Quellen zu finden und dann sicherzustellen, dass diese in allen Komponenten des Smartphones zum Einsatz kommen. „Das Problem ist aber, dass es für manche Materialien noch keine nachhaltigen Quellen gibt. Deshalb arbeiten wir mit Partnern zusammen, um diese zu finden. Es ist ein langer Prozess.“

AndroidPIT Fairphone 2 8442
Das Fairphone ist seit jeher modular: hier sieht man das Kameramodul des Fairphone 2. / © NextPit Bildquelle: NextPit

Gold aus fairen Quellen ist schön und gut. Es liegt aber auf der Hand, dass Fairphone nicht sämtliche Komponenten selbst baut. Der Prozessor kommt beispielsweise von Qualcomm. Woher kommen die darin verbauten Metalle. „Genau deshalb planen wir unsere Lieferkette so genau. Denn dann können wir einen Lieferanten für etwa Gold oder Kupfer empfehlen. Wir versuchen unseren Zulieferern zu erklären, warum es wichtig ist, dass sie ihre Materialien aus diesen Minen beziehen.“ Man starte Pilotprojekte und evaluiere am Ende, wie diese gelaufen sind. Das Ziel ist, dass die Lieferanten beginnen, Materialien aus anderen Quellen für Fairphone zu nutzen, auf Dauer aber auch für andere Kunden. „Man muss klein anfangen und dann wachsen.“

So arbeitet Fairphone zwar noch im Kleinen – das Fairphone 2 hat sich etwa 100.000 Mal verkauft. Schritt für Schritt könnte der Hersteller aber eine ganze Industrie verändern. Dabei war das Ziel anfangs gar nicht, ein Smartphone zu bauen. Fairphone starte als Sensibiliserungskampagne als klar wurde, dass viele Materialien, die für Elektronik gebraucht werden, den Konflikt im Kongo finanzieren. Weil sich aber nichts zu ändern schien, nahm Fairphone dies selbst in die Hand. Materialien aus den vom Konflikt geschüttelten Regionen zu vermeiden, war jedoch keine Lösung. Denn dann, so Laura, würden die Metalle dennoch verkauft und über Schmuggelwege letztlich ihren Weg in die Elektroartikel finden. Also war klar: „Wir müssen zu den Minen gehen und ihnen helfen, so dass die Einnahmen in die richtige Hände geraden. Sehr viele Menschen im Kongo sind von den Minen abhängig.“

laura gerritsen fairphone 2
Viele Menschen überrascht diese Tatsache noch immer, aber in jedem Smartphone steckt Gold. / © Fairphone Bildquelle: Fairphone

Es war also wichtig, hier einen wirtschaftlichen Impuls zu geben, um langfristige Entwicklung zu gewährleisten, anstatt Menschen von ihrem Einkommen zu berauben. Zusammen mit Philips hat man zu Zeiten des Fairphone 1 daher eine Initiative gestartet, um Zinn aus dieser Region zu nutzen. Heute werde dieses Zinn in der gesamten Industrie verwendet. „Wir haben mit einer Mine und 1.000 Minenarbeitern angefangen. Heute sind wir bei 85.000 Minenarbeitern. Natürlich muss man es testen und mit einem Pilotprojekt anfangen. Doch wenn wir zeigen, dass es geht, dann kann es sich auf jeden Fall ausbreiten“, meint Laura.

Nachhaltigkeit ist in

Neben anderen Firmen ist es wichtig, die Kunden zu erreichen. Da ändere man das Vorgehen gerade etwas, erzählt Laura. Anfangs habe man wirklich tiefgründig erklärt und genau das sei der Heilige Gral. Heute aber versuche man, es einfacher zu machen, die Probleme zu verstehen. Auch deshalb ist das Fairphone mittlerweile nicht mehr nur im eigenen Webshop, sondern bei Partnern erhältlich. Der gesamte Herstellungsprozess des Fairphone sei darauf ausgelegt, dass er sich vergrößern lasse. „Je mehr wir skalieren können, desto mehr Einfluss haben wir in unserer Lieferkette und desto mehr positive Auswirkungen können wir haben.“

AndroidPIT fairphone 3 outdoor
Das Fairphone 3 ist etwas günstiger als sein Vorgänger. / © NextPit Bildquelle: NextPit

Ohne Frage ist Nachhaltigkeit ein Modewort. Fairphone ist nicht das einzige Unternehmen, das darüber redet. Was aber, wenn sich Firmen genau dies auf die Fahne schreiben, letztlich aber nur ihre Verpackung ändern – die Elektronik aber weiter mit Materialien aus zweifelhafter Herkunft produzieren? „Wir feiern jeden Schritt, auch wenn es nur um die Verpackung oder eine einzelne Komponente geht. Danach ist es Zeit für den nächsten Schritt!“, antwortet Laura und beschreibt Fairphone wie die Cheerleader an der Seitenlinie. „Ich bin Optimist. Aber schau dir die Nahrungsindustrie an. Es hat lange gedauert, bis sich mehr Menschen Gedanken gemacht haben, was dahinter steckt. Heute ist es Mainstream.“, meint Laura.

„Es gibt eine anhaltende Debatte darüber, was nachhaltig und fair überhaupt bedeuten. Aus irgendeinem Grund, wissen alle, was unfair ist. Egal ob in den Minen in Afrika oder den Fabriken in China – überall denken Menschen sehr ähnlich über Unfairness. Was aber fair ist, ist schwieriger zu definieren.“, erzählt Laura. Deshalb habe man bei Fairphone klare Definitionen geschaffen und Ziele gesetzt, an denen man Fairness und Nachhaltigkeit dann messen könne.

Dabei geht es etwa darum, wie viele Materialien Fairphone nachhaltig bezieht und wie viele Menschen von den Programmen des Unternehmens profitieren. Aber eben auch darum, ob Anwender ihre Smartphones noch benutzen. „Wir wollen langlebige Smartphones bauen, denn letztlich schützt auch das die Umwelt.“, sagt Laura und betont abermals, dass es besser ist, ein Smartphone weiter zu benutzen, als es zu tauschen. Wenn man sich dann aber doch für ein Fairphone 3 entscheidet, dann kann man es direkt in der Box zurück an Fairphone schicken – damit es garantiert recycelt wird und die Metalle nicht in der Schublade verrotten.