Schon im Gespräch am Vortag mit Joonsuh Kim, Chief Design Officer HUAWEI Consumer Business habe ich erfahren, dass Huawei-Smartphones Ergebnisse von jahrelanger Recherche eines globalen Teams sind. In Japan, Europa, China und den USA wird andauernd analysiert, was bei den Kunden ankommt. Das Ergebnis dieser Recherche fließt unmittelbar in die P- und Mate-Geräte ein. Diese werden dann unweigerlich zu Kompromissgebilden, die für eine möglichst breite Zielgruppe ausgelegt und dennoch irgendwie maßgeschneidert sind.

Huawei joonsuh Kim profile
Joonsuh Kim, Chief Design Officer HUAWEI Consumer Business. / © NextPit Bildquelle: NextPit

Derlei Recherchen sollen ergeben haben, dass 2K-Displays weniger wichtig seien als lange Akkulaufzeit, versichert mir Sam. Qi-Charging sei angeblich den Kunden auch weniger wichtig als ein Metall-Unibody-Gehäuse (das drahtloses Aufladen technisch unmöglich macht). Im Umkehrschluss bedeutet das natürlich auch, dass drahtloses Aufladen von Huawei angenommen wird, sobald die Technologie weiter ausgereift und der Nutzen größer ist, wie uns Sam verspricht. Es kam mir so vor, dass Huawei auf leisen Sohlen tritt und aufholt, ohne (technisch) zu überholen. Neue Technologien werden nur zögerlich angenommen; stattdessen optimiert Huawei oft das, was die Konkurrenz schon vorher hatte. Huaweis Strategie des Auf-Trends-Reagieren stehe aber nicht im Widerspruch zu Innovation, beteuert Sam.

Wo wagt Huawei Innovation?

Die Entwicklungs- und die Design-Abteilung arbeiten bei neuen P- und Mate-Modellen durchaus Hand in Hand und sie wagen in der 15-monatigen Recherche- und Entwicklungszeit auch Experimente. Doch nach etlichen Prototypen verschwinden im Endprodukt all jene „Features, bei denen wir uns nicht ganz sicher sind“, erläutert Sam. Aber kennen wir eine Gerätefamilie, in der wir genau diese Experimente wiederfinden?

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Sam ist Huaweis Chef über die P-Serie. / © NextPit Bildquelle: NextPit

„Für die Zukunft können wir uns eine Experiment-Familie für Huawei vorstellen“, sagt Sam. Mit der Betonung auf die Marke (Huawei und nicht Honor) lässt er die Lücke offen, dass Honor bereits genau diese Gerätefamilie der In-Vivo-Experimente von Huawei-Ideen ist. Wir denken da an die Lichtfeldkamera des Honor 6 Plus oder die Faltkamera des Honor 7i, das nach einem Rebranding als Huawei ShotX nach Europa kam.

Rebranding: Ein sinnvoller Marketing-Trick

Ob Geräte für bestimmte Märkte rebrandet werden, ist eine Marketing-Frage. Als neues Beispiel lernte ich das P9 lite kennen, das in China als G9 Young in den Ladenregalen steht. Design-Chef Joonsuh Kim war sichtlich überrascht, dass es in Europa ein P9 lite gibt. Nachdem er erklärt hatte, wofür die P-Serie seines Erachtens stehe, nämlich Premium-Materialien und High-End-Kamera, nahm er mit Missfallen zur Kenntnis, dass ein G-Serie-Gerät in Europa das Premium-Branding bekommt. Sam hingegen wollte diese Meinung nicht teilen.

Der P-Serien-Chef erklärt, dass in Europa mit der P- und der Mate-Serie schon die dortigen Marketing-Kapazitäten ausgelastet seien. Insbesondere die P-Serie, die in Europa schon ein Erfolg ist, lasse sich einfacher vermarkten als die G-Serie. Also konzentriert man den Aufwand auf Bereiche, die bereits erfolgreich sind.

Press Touch: Innovation mit Startschwierigkeiten

Ein klares Gegenbeispiel zur oben genannten Nummer-Sicher-Strategie in Sachen Innovation ist Press Touch. Die Technologie erlaubt mehrstufig-empfindliche Touchscreens und erfordert Anpassungen in der Software-Oberfläche. „Wir brauchen dafür noch mehr Features“, räumt Sam ein. Und wenn es so weit ist, werde man Press Touch auch auf die übrigen Geräte bringen. Leider wird Press Touch bisher von Huawei (und anderen Herstellern parallel) im Alleingang entwickelt. Von Googles Seite gebe es keine Unterstützung.

Das ist verdrießlich, schließlich könnte Google das Feature auf Systemebene für alle Hersteller vereinheitlichen, wie zuletzt bei Multi-Window-Feature in Android N gesehen. Dann könnten App-Entwickler beginnen, die Menüs der Apps für die neue Technologie anzupassen. Die aktuelle Unterstützung des Android-Systems für Press Touch oder dergleichen ist eher gering, sodass Huawei mit viel proprietärem Code nachbessern muss. Und dieser Wartungsaufwand wirkt sich bekanntermaßen verzögernd auf die Wartezeit auf System-Updates aus.

Sam Huawei Produktmanager P Serie
Huawei vom P9 Lite überrascht. / © nextpit Bildquelle: NextPit

Huawei P10 vielleicht mit nur einer Hauptkamera

Eine andere verrückte Innovation in der P-Serie war ohne Frage die Doppelkamera des P9. Diese könnte im P10 schon wieder passé sein. Auch wenn es sich ohne Zweifel wieder um eine Leica-Lösung handeln wird, stehe die Zahl der Linsen noch nicht fest. Dass es beim P9 zwei waren, lag an der verdoppelten Menge des einfallenden Lichtes. Auch mit einer Kamera hätte man das geschafft, aber diese hätte größer sein müssen. Zwei kleinere Optiken waren jedoch die bessere Wahl, um das Ziel eines schlanken Gehäuses zu erreichen. Dennoch experimentiere man derzeit auch mit Ein-Kamera-Lösungen für das P10; das Dual-System ist also kein zwingendes Markenzeichen der P-Serie geworden.

VR: Jetzt also doch

Im Gegensatz zu Chenzhu Li hat Sam eine baldige VR-Lösung von Huawei nicht kategorisch ausgeschlossen. Ähnlich wie Huawei-Chef Richard Yu in der Pressekonferenz zum P9 in London hat auch Sam nun gesagt, dass wir bald mehr über die VR-Lösung von Huawei erfahren werden. Ein Entwicklerteam sei abgestellt worden, um an unterschiedlichen Optiken zu arbeiten. Beim Content jedoch werde Huawei sich zurückhalten und auf Drittanbieter setzen. Das könnte heißen, dass Huawei den Weg von HTC wählt statt den von Samsung, also nicht seine Smartphones als VR-Display verwendet sondern ein vollständig eigenständiges Produkt liefert. Schließlich sind die Displays der eigenen Smartphones definitiv nicht für den VR-Betrieb ausgelegt. Hier bräuchte man mindestens WQHD-Auflösung, um akzeptable VR-Bilder in existente Head-Mounts zu projizieren.

Fazit

Mein Einblick in Huaweis Produktstrategie und ihrer Umsetzung vor Ort hat mir in Ansätzen gezeigt, wie der Konzern Chinas Nummer eins der Smartphone-Hersteller wurde und wie er auch den Rest der Welt erobern will; und wahrscheinlich kann. In der intensiven Marktbeobachtung steckt das Erfolgsrezept. Und mit seiner 70.000-köpfigen Forschungsabteilung bin ich mir recht sicher, dass Huawei schon diverse Geheimwaffen entwickelt. Die werden dann abgefeuert, wenn der Einfluss am Markt groß genug ist und wenn Huawei endlich aufhören kann, sich von der Konkurrenz inspirieren zu lassen.