Shure Aonic 50 im Test: Großes Debut der Audio-Profis

Shure Aonic 50 im Test: Großes Debut der Audio-Profis

Der Shure Aonic 50 ist das erste kabellose Headset des traditionellen Audio-Herstellers, das eine aktive Geräuschunterdrückung bietet. Der Kopfhörer ist dabei ein direkter Konkurrent der Bose NCH 700 und der Sony WH-1000XM3 und nutzt eine starke Hi-Fi-Leistung, um einen Unterschied zu machen. Eine erfolgreiche Strategie? Wir haben den Kopfhörer ausführlich getestet.

Bewertung

Pro

  • Außergewöhnlicher Klang
  • Klares und edles Design
  • Unterstützung von HD-Codecs
  • Bluetooth-Multipoint

Contra

  • Durchschnittliche Akkulaufzeit
  • Sperriges Aufbewahrungscase
  • ANC zu durchschnittlich
  • Langweilige App
  • Alter, ist der teuer

Shure Aonic 50: Preis und Verfügbarkeit

Das Bluetooth-Headset Shure Aonic 50 mit aktiver Geräuschunterdrückung ist in Deutschland seit April 2020 zu einem Preis von 400 Euro (399,99 Euro) erhältlich, aber die Verfügbarkeit ist recht begrenzt. Es ist derzeit nur bei Amazon erhältlich.

Auf der offiziellen Website der Marke, die über keinen Online-Shop verfügt, beträgt der empfohlene Preis 429 Euro. Mit diesem Preis im Hinterkopf sind wir gespannt in den Test gestartet.

 

Shure Aonic 50: Für wen eignen sich die Kopfhörer?

Shure ist eine amerikanische Marke, die in den 1920er Jahren in Chicago gegründet wurde und sich zu einem historischen Akteur auf dem Audiomarkt entwickelt hat – wovon ich zugegebenermaßen keine Ahnung hatte .

Die Marke ist vor allem durch seine Mikrofone groß geworden. Die Shure-Mikrofone, die in erster Linie auf die professionelle und die Musik-/Entertainment-Industrie ausgerichtet sind, wurden zum Beispiel von Elvis oder John F. Kennedy genutzt. Das Design des Unidyne-Mikrofons ist ikonisch. Und die Kopfhörer von Shure sind in der Welt des Mixings und Masterings sehr bekannt.

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Das kultige Shure Unidyne Mikrofon / © NextPit

Kurz gesagt: Die Shure-Entwickler sind keine Anfänger. Die Kopfhörer unterstützen die Codecs AAC, aptX, aptX Low Latency, aptX HD und LDAC, bieten 20 Stunden Akkulaufzeit, Bluetooth 5 Multipoint, aktive Geräuschunterdrückung und einen Transparenzmodus.

Mit einer UVP von 429 Euro ist der Kopfhörer direkter Konkurrent der Bose NCH 700 und Sony WH-1000XM3, die bei ihrer Markteinführung den gleichen Preis hatten. Es handelt sich daher um ein erstklassiges Headset mit Flaggschiffcharakter.

Nur sind die Preise dieser beiden Marktführer inzwischen ziemlich stark gesunken. Und die Shure Aonic 50 sind das erste Headset mit ANC. Shure baut also auf sein Fachwissen im Bereich Hi-Fi-Sound, um sich von der Konkurrenz abzuheben.

Aber wie bei Bose sind auch die Shure Aonic 50 Kopfhörer amerikanischer Bauart. Kopfhörer, die eine Vision verfolgen, was guter Klang ist. Die Benutzererfahrung ist daher viel weniger vielseitig und anpassbar als bei einem japanischen Produkt, das nahezu unbegrenzt konfigurierbar ist.

Ich mag die Shure Aonic 50 wegen ...

... des klaren Designs

Die Shure Aonic 50 kombinieren Memory-Foam-Lederpolstern, Lederheadband und Bügel aus gebürstetem Aluminium. Der Kopfhörer ist ziemlich massiv (334 Gramm), das vergisst man aber schnell, wenn er sich einmal auf dem Kopf befindet.

Es ist einer der bequemsten Kopfhörer, die ich je getestet habe. Die Ohrpolster sind weich, und der Kopfbügel ist sanft genug, um nicht zu viel Druck auf die Ohren auszuüben. Gleichzeitig ist die passive Lärmisolierung ausgezeichnet.

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Die Verarbeitung der Shure Aonic 50 ist einem erstklassigen Bluetooth-Headsets würdig. / © NextPit

Shure verzichtet auf hippe Touch-Oberflächen. Stattdessen gibt's echte Tasten, um Lautstärke und den Wechsel zwischen ANC- und Transparenzmodus (Verstärkung von Umgebungsgeräuschen) zu steuern. Der einzige Nachteil ist die Starrheit der Gelenke zum Drehen der Ohrmuscheln. 

Starr ist übrigens der gesamte Kopfhörer. Er lässt sich nicht zusammenklappen. Man muss ihn flach in den riesigen, kreisrunden Aufbewahrungskoffer legen, der als Ersatzrad für ein Kinderfahrrad dienen könnte. Ansonsten verleiht die mattschwarze Oberfläche den Shure Aonic 50 ein klassisches Aussehen.

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Die Memory-Foam-Polster der Shure Aonic 50 bieten hervorragenden Komfort. / © NextPit

In diesem Google-Fotoalbum findet Ihr unsere Fotos der Shure Aonic 50.

... ausgezeichnetem Hi-Fi-Sound, der gegen den Trend geht

Die Shure Aonic 50 sind als Hi-Fi-Headset konzipiert und unterstützen daher AAC-, aptX-, aptX Low Latency-, aptX HD- und LDAC-Codecs. Ich habe die Kopfhörer mit Bluetooth getestet und fast zwei Wochen lang mit dem Sony Xperia 10 II genutzt. Ich hörte mir FLAC-Dateien an, aber auch UKW und andere Formate sowie Streaming mit Deezer Hi-Fi (das "verlustfreie" Qualität bietet).

Wo wir bei der "amerikanischen" Seite von Shure angelangt wären. Auf der anderen Seite des Atlantiks tut man nicht gerne das, was alle anderen tun. Während fast die gesamte Welt das metrische System verwendet, bestehen die Vereinigten Staaten darauf, das imperiale System beizubehalten. Und während die große Mehrheit der Bluetooth-Headsets mit ausgewogenem Bass-Profil überzeugt, setzt Shure auf Klangtreue.

Wenn ich Bass sage, meine ich sowohl die tiefen Frequenzen (unter 20 Hz), als auch die Neigung, diese Frequenzen in ihrer Bandbreite oder "Audiosignatur" zu verstärken. Shure baut das Gegenstück zu Sony und Bose, lässt den Bass beiseite und konzentriert sich mit einem Frequenzbereich von 20 bis 22.000 Hz auf das Wesentliche.

Das Ergebnis ist ein sehr präziser, vor allem aber klarer und definierter Klang in den Höhen. Im audiophilen Jargon (den ich verschwörerisch vertrete) sprechen wir von einer warmen Signatur (übertragen auf mittlere und hohe Frequenzen).

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Shure setzt auf Taster statt Touch-Bedienung. / © NextPit

Die Kopfhörer bieten zudem einen weiten Stereosound, aber der Bass knallt mir persönlich nicht gut genug. Es mag auch eine Geschmackssache hinsichtlich der Audiosignatur sein. Dass die Wiedergabe extrem sauber ist, kann ich nicht leugnen.

Im Grunde ist die gesamte musikalische Bühne identifizierbar. Jedes Instrument, jede klangliche Feinheit und ihre verschiedenen Variationen sind wahrnehmbar. Das Ganze rhythmisiert mit Bässen, die präsent bleiben, die musikalische Botschaft aber auch nicht in einem "Boom-Boom"-Festival ertränken.

Das Shure Aonic 50 ist das Bluetooth-Headset mit der besten Soundqualität bei aktivierter Geräuschunterdrückung. Und das ist umso beeindruckender, da Shure sich nicht für eine W-förmige Signatur entscheiden hat, die fast alle Konkurrenten anbieten.

Wer eine möglichst originalgetreue Audiowiedergabe auf einem Bluetooth-Kopfhörer genießen möchte, ist mit den Shure Aonic wirklich gut bedient.

Ich mag die Shure Aonic 50 nicht so sehr wegen ...

... der vergleichsweise schwachen Geräuschunterdrückung

Die Shure Aonic 50 verfügen über eine doppelte aktive Lärmreduzierung. Ein nach außen gerichtetes Mikrofon analysiert und filtert zunächst den größten Teil der Umgebungsgeräusche heraus. Ein weiteres Spezialmikrofon, das nach innen gerichtet ist, analysiert und "entfernt" den Restlärm.

Ein Versprechen, das auf dem Papier genauso gut aussieht wie das der Airpods Pro von Apple, die ein ziemlich ähnliches System verwenden. Aber im Alltag ist die aktive Lärmreduzierung (ANC) der Shure Aonic 50 ziemlich durchschnittlich. Und bei einem Preis von 429 Euro ist das enttäuschend.

Dabei ist das ANC keineswegs als schlecht zu bezeichnen. Wie üblich werden konstante Geräusche wie das Brummen eines Automotors, die Vibration einer U-Bahn oder das hektische Tippen des Kollegen gut gedämpft. Aber sobald komplexere Klänge ins Spiel kommen, etwa Stimmen, schwächelt der Algorithmus. Der Bose NCH 700 bleibt in genau diesem Punkt der Marktchampion. 

Die Defizite des ANC lassen sich durchaus verschmerzen. Denn Shure setzt den Fokus ganz klar auf einen richtig guten Klang. Und aktive Lärmreduzierung beeinflusst die Klangqualität eines Kopfhörers stark. Daher ist es verständlich, dass Shure daran gearbeitet hat, die negativen Auswirkungen von ANC auf die Audioleistung seiner Aonic 50 Kopfhörer einzudämmen.

Auf jeden Fall ist die Geräuschunterdrückung eindeutig nicht die Stärke des Shure Aonic 50 und kann daher nicht zu einem ernsthaften Verkaufsargument gemacht werden.

... der ShurePlus Play App

Ich stehe mitgelieferten Apps für Kopfhörer in der Regel skeptisch gegenüber. Ok – ich hasse sie. Sie sind einfach oft überflüssig, und wenn sie nicht eine vollständige Palette von vom Einstellungsmöglichkeiten und Equalizern bieten, verzichte ich lieber auf sie.

Die Anwendung ShurePlus Play fällt in diese Kategorie. Der Equalizer arbeitet aber sehr genau und erlaubt, Voreinstellungen auf das Dezibel genau vorzunehmen, was wirklich ein großer Vorteil ist, besonders wenn die Klangsignatur beispielsweise nicht tief genug für Euren Geschmack ist.

Aber für den Rest können die Einstellungsmöglichkeiten vernachlässigt werden. Warum zehn Stufen für den Transparenzmodus und nur zwei für den ANC (normal und maximal) anbieten? Abgesehen von diesem Unsinn finde ich die App viel weniger nützlich als die Connect-App von Sony – die einzige Kopfhörer-App, die mir bisher gut gefällt.

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Die ShurePlus-Play-App ist zu steif; der Equalizer fällt aber sehr umfangreich aus. / © NextPit

... der durchschnittlichen Akkulaufzeit

Der Hersteller kündigt eine Batterielebensdauer von bis zu 20 Stunden an. Aber Shure sagt nicht, ob diese 20 Stunden mit oder ohne eingeschaltetem ANC erreicht werden können, noch wie lange es dauert, das Headset vollständig aufzuladen, oder ob es möglich ist, mit nur zehn oder 15 Minuten Ladezeit ein paar Stunden Hörvergnügen zu genießen.

Mit einer fast durchgängigen Nutzung zu meinen Bürozeiten (mindestens 9 Uhr bis 18 Uhr) und abends zwei Stunden zu Hause hielt der Kopfhörer mit eingeschaltetem ANC jeweils etwa anderthalb Tage durch, bevor er aufgeladen werden musste.

Das Headset bietet leider auch keinen Tragesensor, ergo schaltet es sich nicht ab, wenn Ihr es vom Kopf nehmt. Das Aufladen per USB-C unterstützt 30 Watt Warp Charge 30T. Damit konnte ich die Kopfhörer in etwa zwei Stunden vollständig aufladen.

Die Akkulaufzeit der Shure Aonic 50 ist also kein wirklicher Makel, denn sie ist zwar immer noch durchschnittlich, aber nicht gut genug, um bei Kopfhörern für 400 Euro als Verkaufsargument zu gelten.

Fazit: Sind die Shure Aonic 50 eine gute Wahl?

Sind die Shure Aonic 50 also ihre 400 Euro wert? Wenn man bedenkt, dass die Sony WH-1000XM3, die absolute Marktreferenz, die von Kritikern und Anwendern immer noch fast einstimmig gelobt wird, für rund 300 Euro neu verkauft wird, ist es schwer, etwas anderes zu empfehlen.

Andererseits lässt sich nicht leugnen, dass Shure ein ausgezeichnetes Debüt auf dem Markt für drahtlose Headsets gegeben hat. Die Shure Aonic 50 haben eine Identität, einen Charakter, den sie durch ihre gegen den Strom schwimmende Klangsignatur zum Ausdruck bringen.

Shure baut auf die jahrelange Expertise auf, anstatt zu versuchen, seinen Rivalen nachzueifern. Dies macht die Shure Aonic zum ultimativen Hi-Fi-Bluetooth-Headset mit ANC.

Die Geräuschunterdrückung ist schlechter als bei einem Bose NCH 700 Headset, und die App ist weniger anpassbar als beim Sony WH-1000XM3. Aber wer authentischen Klang will, sollte sich die Shure Aonic 50 näher ansehen. Und wenn der Preis sinkt, würde ich die Kopfhörer guten Gewissens empfehlen.

 

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5 Kommentare

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  • Ich glaube ihr meint eine V-Signatur, keine W-Signatur


  • Danke für den Beitrag, aber ich glaube, nur wegen der klaren Linie würde ich mir das Teil nicht kaufen. Dazu sind die Contras auch noch recht gewichtig. In dieser Preisklasse würde ich mich dann doch eher für das Nuraphone entscheiden. Das klingt nämlich genau so, wie es für mich individuell klingen sollte und darauf kommt es am Ende an.


  • Hallo Antoine,
    erstmal herzlichen Dank für deine Einschätzungen.
    Wenn nun noch der Artikel über die Bluetooth - Codecs in deutsch (oder englisch) wäre... ;)


  • ##Dass die Wiedergabe extrem sauber ist, kann ich nicht leugnen##

    ##Und während die große Mehrheit der Bluetooth-Headsets mit ausgewogenem Bass-Profil überzeugt, setzt Shure auf Klangtreue.##

    Chapeau, alles richtig gemacht, so soll es sein. 🥂

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