Seien wir mal ehrlich: Falls nicht ausgerechnet nexus oder ein G auf der Rückseite Eures Smartphones prangt, habt Ihr noch kein Nougat-Update bekommen. Die Verteilung des Updates wird wie immer durch die Hersteller Samsung, Sony und so weiter hinausgezögert, weil sie ihre Anpassungen vornehmen. Vielleicht muss das Update in Eurem Fall anschließend noch vom Mobilfunk-Provider abgesegnet werden, bis es erst einen geringen Prozentsatz und im Laufe einiger Monate endlich den letzten von Euch erreicht. Bis dahin ist wahrscheinlich schon Android 8 da. Doch um ehrlich zu sein…

Nougat-Test auf dem Nexus 6P

Ich hatte mich mit meinem Nexus 6P recht früh für die Nougat-Preview angemeldet und das System beim Werden beobachtet. Jetzt ist es, und ich bin ein wenig enttäuscht. Die Zahl der Neuerungen ist überschaubar und der wirklich coole Teil ist den Neugeräten wie dem absurd überteuerten Pixel vorbehalten. Ich spreche hier von den Seamless-Updates, der Datei-basierten Verschlüsselung für schnelles Booten und vor allem von der KI-Hilfe Assistant als System-Feature. (File-based Encryption kann man nachträglich aktivieren, aber dann müsst Ihr alles löschen. Das ist kaum zumutbar.)

Auf Geräten, die von Marshmallow auf Nougat aktualisiert werden, kommen nur wenige neue Features an. Die neuen Funktionen beschränken sich auf die erweiterbaren Benachrichtigungen, verschiebbare Schnellstart-Kacheln, Multi-Window und das ödeste Easter-Egg seit Gingerbread. In Android 7.1 kommen die App Shortcuts und der Nachtmodus hinzu.

Die Features sind nett, aber vielen Nutzern schon bekannt, weil LG oder Samsung die Features in Ihren Top-Geräten schon längst untergebracht hatten, bevor Android-Boss Hiroshi Lockheimer sie endlich in den Android-Kern übernehmen ließ.

Ich will diesen vermaledeiten Assistant haben!

Aus unerfindlichen Gründen hat Google Nexus-Besitzer wie mich mit dem Nougat-Update zu Usern zweiter Klasse gemacht. Eine Version im Rückstand, sehen wir nur noch die Rücklichter der Pixel-Geräte. Jene haben schon Android 7.1, während wir noch auf 7.0 ausharren müssen.

Google schafft eine Zwei-Nougat-Gesellschaft

Diese kommen mit allen coolen Geschützen daher, mit denen Nougat theoretisch aufwarten kann. Der Assistant wird peu à peu zum Killer-Feature, schließlich wird er mehr und mehr zur Schnittstelle zwischen Eurer Stimme und der digitalen Welt, die sich in Eurem Haushalt breit macht.

Spätestens wenn der letzte Kühlschrank einen Internetanschluss hat, wird der Funktionsumfang des Assistant begreifbar: Eure Küche kann Euch dann automatisch einen Einkaufszettel schreiben und gleich fragen, ob Ihr die fehlenden Zutaten einfach bestellen wollt. Zugegeben: Noch ist der Assistant recht dämlich und er kann nur wenig mehr als sein Vorgänger Google Now. Nach Terminen, Erinnerungen und App-Aufrufen ist Schluss. Amerikaner können schon Tische in Restaurants reservieren. Aber es kommt mehr, da bin ich mir sicher.

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Noch lässt der Assistant sein Potenzial nur erahnen. / © NextPit Bildquelle: NextPit

KI-gestützte Chatbot-Assistenten wie Assistant, also „Alexa, Siri oder Facebook M werden das erste Billion-Dollar-Unternehmen“ – titelt sogar Venture Beat. Sie gelten als eines der großen Dinger in diesem Jahr; worüber sich Huffington Post, Business Insider oder auch der Economist einig sind. Ist auch logisch: In den Nutzerdaten und der gezielten Verknüpfung von Käufer und Verkäufer steckt eine Menge Geld.

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Im Gegensatz zum Assistant gibt es Cortana in der Sprechversion im Play Store. / © nextpit Bildquelle: NextPit

Warum Google also testwillige Altkunden wie mich Nexus-User aus diesem wichtigen Innovationsschritt ausschließt, ist mir völlig schleierhaft. Wir bekommen die KI nur durchs Schlüsselloch und müssen über die weitgehend wertlose Chat-App Nummer 137 namens Allo mit dem Assistant chatten, was überhaupt keinen Spaß macht und durch die hohe Zahl der Konkurrenz-Apps gar keinen Sinn ergibt.

Vor allem dann nicht, wenn Ihr indes im Play Store munter auf Microsofts sprachgesteuerte Alternative Cortana zurückgreifen könnt. Dann habt Ihr viele Assistant-Funktionen, könnt Euren Windows-Rechner intelligent mit dem Smartphone vernetzen und für Microsoft springt auch etwas dabei herum: Die KI wird trainiert, lernt Euch ein bisschen näher kennen und füttert die Server mit Daten.

INSTALLIEREN (com.google.android.apps.fireball)

OK Google, gib mir den Pixel-Launcher!

Was ich auf dem Nexus haben will, aber nicht haben darf, ist der Pixel Launcher. Der sieht erheblich besser aus als der olle Now-Launcher, bietet atemberaubende Animationen und – beim Pixel jedenfalls – geniale Live-Hintergründe, die ich zuletzt vor zehn Jahren auf einem Mac Book Pro gesehen habe. Wie zum Hohn lautet die Play-Store-ID auch noch com.google.android.apps.nexuslauncher, obwohl man ihn nicht auf Nexus-Geräten installieren kann:

INSTALLIEREN (com.google.android.apps.nexuslauncher)

Natürlich lässt sich der Pixel-Launcher auch als APK-Datei herunterladen und installieren, aber das sollte nicht nötig sein. Warum schließt Google also seine neugierigsten Kunden, also die Nexus-User aus? Ohne Assistant oder Pixel-Launcher macht der Nougat-Test noch keinen Spaß. Und in der Aussicht darauf, dass Samsung mit Viv-Unterstützung seine S-Voice aufmotzt, wird es noch rätselhafter, wie sich Nougat als Smartphone-Betriebssystem vom Vorgänger abheben will.

All dies gilt natürlich nur für Geräte, die von Android Marshmallow auf Nougat upgraden. Neugeräte haben dank der schnelleren Starts durch die klügere Verschlüsselung und der Seamless Updates einen tatsächlichem Mehrwert durch Nougat.

Android hat noch mehr Baustellen

Es gibt noch eine ganze Reihe von Features, an denen Android dringend verbessert werden muss. Noch immer fehlt ein Backup-Feature, an das sich alle App-Entwickler halten. Es kann nicht sein, dass ich mit der Einrichtung meiner Apps komplett von Null anfangen muss, wenn ich mein Handy durch ein neues ersetzt.

Und – unabhängig von Android als Betriebssystem – muss Google endlich mal seinen Play Store ausmisten. Noch immer tummelt sich dort viel zu viel Fake-Werbe-Müll, der trotz der auffällig-typischen Fünf-Sterne-zu-Ein-Sterne-Bewertungsverhältnisse nicht untersucht und gelöscht wird. Selbst Microsoft räumt seinen mageren Store auf.

Immerhin: Sicherheitsupdates machen das Nougat-Update fast verzichtbar

Dank der monatlichen Sicherheitsupdates ist das Nougat-Update quasi verzichtbar geworden. Denn eines der entscheidenden Argumente fürs schnelle Bereitstellen neuer Android-Versionen war bis vor August 2015 die Sicherheit Eurer Daten. Doch dann brachte eine Sicherheitsfirma Google und etliche Smartphonehersteller in Zugzwang und plötzlich gab es einen schnellen und zuverlässigen Strom an Patches für bekannte Sicherheitslücken. Diese werden seither monatlich bereitgestellt und sind theoretisch sogar noch für Geräte mit Android 5.0 Lollipop erhältlich. Das heißt, dass Euer Marshmallow-Smartphone auch ohne das nahezu wertlose Nougat-Update sicher bleibt bzw. bleiben kann, so lange monatlich Marshmallow-basierte Fixes kommen.