Neue Twitter-Funktion lädt uns zum Lesen ein – bevor wir posten

Neue Twitter-Funktion lädt uns zum Lesen ein – bevor wir posten

Am Mittwoch kündigte Twitter eine Funktion an, die die Nutzer dazu auffordert, einen Artikel vor dem Retweet zu lesen. Damit will das Netzwerk die User mehr in die Pflicht nehmen und die Verbreitung von Fake-News einschränken. Viele Websites bedienen sich drastisch überdrehter Headlines, um geteilt zu werden – im vollen Wissen, dass die Überschrift missverständlich ist und sie damit in zweifelhaften Kreisen Verbreitung finden. In Analogie zum Clickbaiting fällt hier gelegentlich der Begriff "Sharebait". Frei nach dem Motto: Hauptsache Reichweite!

Die ersten Nutzer der Twitter-App für Android berichten von dem neuen Feature, das beim Klick auf den Retweeten-Button ausgelöst wird. Hat der Nutzer den Artikel vorab nicht in einer Drittanwendung geöffnet, poppt dann ein Validierungsfenster auf mit der Nachfrage: Bist Du sicher, dass Du diesen Artikel ohne Lesen teilen möchtest?

Weiterlesen: Bots können die Fake-News-Pandemie nicht stoppen

Die Idee klingt in den Zeiten von Fake-News verlockend. Als ich gestern die Twitter-Ankündigung sah, war mein erster Gedanke: So eine Funktion wäre doch fast für jeden Online-Kommentarbereich sinnvoll, oder? Die "Schnell-Sender" wären davon abgehalten, die Debatten unter einem Artikel zu vergiften. Oder nicht?

Ich denke aber, damit machen wir es uns zu einfach. Lässt sich das moralische Gewissen wirklich auf die Internetnutzer abschieben – und können sich die Medien – in diesem Falle wir als AndroidPIT – wirklich aus der Verantwortung ziehen?

Erst denken, dann retweeten (oder schreiben)

Der Retweet ist im Jahr 2020 ein mächtiges Werkzeug, das häufig zur Verbreitung von falschen Nachrichten oder irreführenden Inhalten missbraucht wird. Einer Studie der Columbia-Universität zufolge werden rund 60 Prozent der Artikel vor dem Retweet nicht gelesen – und die Studie ist vier Jahre alt.

Von der ursprünglichen Funktion des Teilens entfremdet wird der Retweet damit zu einer Waffe. Jeder Twitter-Nutzer, wir alle, haben den Finger am Abzug. Doch statt einer gemeinschaftlichen Stimme der Vernunft gibt es vielmehr ein Gesetz des Lautesten. 

Nachdem wir uns vermutlich alle gerade dabei ertappen, schon mal den einen oder anderen ungelesenen Artikel retweetet zu haben: Ist Twitter hier also auf der richtigen Spur?

Betrachten wir die Fragestellung anhand einer hypothetischen Verschwörung, denn genau darum geht es bei dieser neuen Funktion. Stellen wir uns also einmal ein absurdes Szenario vor, in dem ich die voreingeommene, feste Meinung hätte, dass 5G-Antennen Covid-19 verursachen.

Einen Artikel, der meine Meinung ohnehin bestätigt, würde ich vor einem Retweet vermutlich nicht lesen. Gleichzeitig möchte ich ihn aber retweeten, wenn sein Titel eine Idee unterstreicht, die meiner Meinung enspricht – selbst wenn dieser Titel irreführend ist. Und genau das ist der Kern des Problems. Wir lesen nur noch Headlines. Und selbst wenn wir aufgefordert werden, die Artikel zu lesen, werden gerade die irreführenden Schlagzeilen das lauteste Echo erreichen – und zur Verbreitung von Fehlinformationen beitragen.

Die angebliche HBO-Zensur von Vom Winde verweht

Es begann mit einer guten Idee. Am 9. Juni entschloss sich die Plattform SVOD HBO Max, den Film-Klassiker Vom Winde verweht (1939) vorrübergehend aus ihrem Katalog zu nehmen. Gleichzeitig sollen pädagogische Ressourcen geschaffen und dem Film hinzugefügt werden, um bestimmte Szenen mit eindeutig rassistischem Unterton in einen Kontext zu setzen.

Die Plattform bestätigte, dass der Film demnächst wieder online sein wird und nicht verändert werde. Viele Online-Schlagzeilen nahmen jedoch hauptsächlich die temporäre Sperrung des Filmes ins Zentrum ihrer Aufmerksamkeit. Dass es sich hierbei um eine Aussetzung und nicht etwa eine Zensur handelte, wurde nicht erwähnt.

Dass viele Artikel der allgemeinen Presse zunächst diesen Inhalt in ihren Überschriften außen vor ließen, brachte die Vorkämpfer der Meinungsfreiheit auf den Plan. Diese witterten unweigerlich eine Zensur – und ein Diktat des politisch korrekten Einzelgedankens. Tatsächlich stand im Artikel explizit drin, dass es eben keine Zensur geben werde – man hätte ihn nur lesen müssen. Doch auch das deutet auf das Problem hin: Diese Information hätte bereits im Titel stehen müssen.

Und David Honnorat mag Recht haben, wenn er in seinem Tweet schreibt:

"Es gibt also nicht ein Medium, das einen wahrheitsgemäßen Titel schreibt: "HBO Max wird "Vom Winde verweht" kontextualisieren, um es an die heutige Zeit anzupassen"?

Die Aufmerksamkeit, die man einzelnen Artikeln schenkt, ist gering. Gleichzeitig ist es fast vergeblich zu hoffen, dass ein Internetnutzer alle Artikel liest, die ihm am Tag über den Weg laufen. Es liegt also in der Natur der Sache, dass ein Artikel zumeist von Menschen geteilt wird, die nur seinen Titel gelesen haben. Das Problem wird noch mehr durch Sharebait beziehungsweise Tweetbait-Artikel verstärkt, die ein entscheidendes Element zum Verstehen einer Nachricht unerwähnt lassen. 

Es ist ein guter Schritt in die richtige Richtung, um die Menschen auf Twitter stärker zum Denken zu bewegen. Aber die Aussage, dass die Menschen die Presse bekommen, die sie verdienen, kann man auch umdrehen. Und so bekommt letztlich auch die Presse genau die Leser, die sie verdient. Der Kampf gegen Fehlinformationen liegt in der Verantwortung von uns allen. Und somit sollten auch Veröffentlichungen von Inhalten einer Moral unterworfen sein – und nicht nur ihre Verbreitung in den sozialen Netzwerken.

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2 Kommentare

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  • Tja, das Problem mit den Überschriften. Warum lesen so viele nur diese und nicht den ganzen Artikel? Das hat viele Gründe und nicht nur den, dass man zu wenig Zeit hat. Wenn man 1995 Artikel im Netz gelesen hat, dann hatte dieser in den allermeisten Fällen Substanz. Heute werden kurze Agenturneldungen mit sinnlosen Füllsätzen zu ganzen Artikeln aufgeblasen, um einen großen Output vorzutäuschen. Dazu reicht eine einfache KI, es braucht noch nicht mal einen Angestellten dafür. Der Leser bleibt dabei auf der Strecke und hat das Gefühl, wertvolle Zeit vergeudet zu haben, weil er nach fünf Minuten Lesen auch nicht mehr weiß, als das, was in der Überschrift steht. Und natürlich werden Überschriften möglichst aufgebauscht, um wichtig und exklusiv zu klingen. All das ist aber nur Leere und man hat das gleiche Gefühl wie nach dem Verzehr von ein paar Reiswaffeln, man ist nicht satt und hat nur Luft konsumiert. Kein Wunder also, wenn man nur noch die Headline liest und den Artikel erst gar nicht mehr anschaut. Das findet sich im Netz leider auch fast überall so, von Spiegel online bis zum Rezepteblog. Die Seiten müssen gefüllt werden, der Leser erwartet neuen Stoff jeden Tag, man hat aber nichts. Also bauscht man auf. Und so ist es letztlich dann auch bei den sozialen Medien, auch der Nutzer hat nichts neues zu vermelden, muss sich aber präsent zeigen und sein Leben "aufbauschen", also teilt man nutzloses Zeug, das toll klingt, nämlich diese leeren Artikel.

    Btw. Was HBO da mit Vom Winde verweht anstellt, finde ich so auch nicht ganz in Ordnung. Warum gerade dieser Film und nicht zum Beispiel den ein oder anderen von Tarantino? Oder auch Filme, in denen Frauen ungleich behandelt werden? Das Ganze erweckt ein wenig den Eindruck, dass man sich hier anhand eines Beispieles, bei dem man nichts zu verlieren hat (wer schaut den Film heute denn noch?) sich als Guter profilieren möchte. Warum hat man das nicht schon längst gemacht, der Film ist uralt? Jetzt, wo das Thema hochkocht, sind plötzlich alle ganz aktiv, stürzen Statuen und "korrigieren" Kunst. Ich halte das für ziemlich verlogen.


  • Wer beim ersten Mal nicht denkt, der wird wohl auch beim zweiten Mal nicht denken. Aber ich kann das nicht beurteilen, vielleicht bewirkt es ja doch etwas.