"Nackte Erpressung": Mediapart kritisiert Instagram-Algorithmus

"Nackte Erpressung": Mediapart kritisiert Instagram-Algorithmus

Belohnt Instagram Nacktheit? Der "Grad der Nacktheit" oder der "Zustand des Unbekleidetseins" ist ein Bestandteil des Score-Ratings, das der Instagram-Algorithmus berechnet. Dieser Score entscheidet, wie die soziale Plattform Eure Bilder einstuft. Der französischen Webseite Mediapart zufolge bevorzugt Instagram bestimmte "nackte Inhalte". Wer erfolgreich sein möchte, muss demnach nackte Haut zeigen.

Heute, am 15. Juni, veröffentlichte Mediapart eine Studie, in der es sich mit einer angeblichen Verzerrung im Algorithmus von Instagram auseinandersetzt. So sollen Fotos mit einem gewissen "Nacktheits-Grad" anderen, weniger freizügigen Bildern, vorgezogen werden. Der von Instagram genutzte Algorithmus soll dabei auf einem Patent basieren, das von zwei Facebook-Ingenieuren im Jahr 2015 angemeldet wurde – der Titel: "Feature-extraction-based image scoring".

Dieser Bildindex ermöglich es Instagrams Algorithmus, den sogenannten Engagement-Score eines Beitrages auf Grundlage seines Potenzials zu berechnen. Daneben soll das Interesse der Nutzer geweckt und der Beitrag von ihnen geteilt werden.

Nacktheit, ein Kriterium des Engagement-Scores

Der Text im Hauptteil des Patents beschreibt detailliert, dass die Notations-API bestimmte "Merkmale" aus Multimedia-Inhalten extrahieren kann. Diese werden auf Instagram veröffentlicht. Hierzu zählen zum Beispiel Objekte, Produkte und Gesichter. Darüber hinaus kann sie aber auch das Geschlecht, die ethnische Zugehörigkeit sowie den "Grad der Nacktheit" einer Person schätzen.

"Die API kann den Grad der Nacktheit von Personen auf einem Bild beurteilen, indem sie bestimmte Farbbänder erkennt, die als Hauttöne identifiziert werden", heißt es in dem von Mediapart analysierten Dokument. Mediapart fragte Instagram nach der Nutzung dieser Nacktheitsgrade. Instagram weigerte sich, eine Antwort zu geben. Stattdessen gab die Firma gegenüber Mediapart an, dass sie: "Postings in Newsfeeds nach nachverfolgten und geschätzten Konten organisiert, nicht nach willkürlichen Kriterien wie dem Vorhandensein eines Badeanzugs"

Man könnt jetzt kleinlich sein und sagen, dass Instagram diese "Nacktheitsmetadaten" verwendet, um pornografische Inhalte zu beseitigen, Rache-Pornos oder einfach zu explizite Beiträge zu erkennen und zu entfernen. Dies könnte die Seite bereits in der Vergangenheit sehr umständlich getan haben. In diesem Falle bliebe aber die Frage, weswegen sich dann die Erwähnung des "Grades der Nacktheit" in den angeführten Kriterien finden lässt. Etwa, um die "Vulgarität" eines Beitrags zu berechnen?

Wird man zur Nacktheit erpresst, um auf Instagram Fuß zu fassen?

Nachdem Instagram abblockte, ließ sich Mediapart etwas neues einfallen. Das Experiment bestand darin, den Algorithmus in kleinerem Maßstab nachbauen. Finanzielle Unterstützung erhielt Mediapart vom European Data Journalism Network und Algorithm Watch. Mediapart analysierte 1.737 Publikationen mit 2.400 Bildern, die zwischen Februar und Mai 2020 auf Instagram veröffentlicht wurden, und berechneten deren Expositionsrate.

Mediapart bat 26 Freiwillige, eine Erweiterung auf ihrem Browser zu installieren und einer Auswahl von 37 Personen (darunter 14 Männer) aus 12 verschiedenen Ländern zu folgen. Von den vorab im Februar und Mai analysierten Fotos, zeigten 362 (21 Prozent) nackte Körper. Diese Fotos stellten jedoch 30 Prozent aller gezeigten Fotos dar.

Ich habe Euch einmal den Mediapart-Artikel hierzu verlinkt, damit Ihr die Computergrafiken einsehen könnt, die ich Euch hier nicht eingebunden habe. Die Studien-Ergebnisse sind dort frei verfügbar. Im Konkreten bedeutet dies, dass die "nackten" Inhalte in der Stichprobe, die den Freiwilligen vorgelegt wurden, in der Unterzahl waren. Dennoch wurden sie vom Algorithmus von Instagram in der Timeline der Nutzer stärker in den Vordergrund gerückt.

Die Untersuchung von Mediapart ist nicht lückenlos. Die zu Beginn des Artikels zitierten Kommentare einflussreicher Personen sind anonymisiert und stellen keinerlei greifbare Beweise dar. Auch die von mir erwähnte durchgeführte Studie von Mediapart ist meiner Meinung nach unzureichend – sie hätte in einem größeren Maßstab durchgeführt werden müssen.

Die Ergebnisse von Mediapart zeigen jedoch, dass ein Foto einer Frau in Unterwäsche oder Badeanzug 1,6-mal häufiger gezeigt wird als ein Foto, auf dem sie bekleidet ist. Bei einem Mann liegt die Rate bei 1,3. Von Erpressung können wir vielleicht nicht sprechen. Doch wir können zumindest die sehr paradoxe Position in Frage stellen, die Plattformen wie Instagram, aber auch YouTube und Twitch in Bezug auf Nacktheit einnehmen.

Angesichts dieser sogenannten sensiblen Inhalte ist es für Werbebetreibende eine Gefahr, Werbeplätze zu kaufen. Es ist aber auch ein wesentliches Element der Publikumsbeteiligung und damit der Einnahmen der Plattform und ihrer "Partner-"Influencer.

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3 Kommentare

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  • BSA vor 4 Monaten Link zum Kommentar

    Nuke Instadreck


  • Steve vor 4 Monaten Link zum Kommentar

    Vermutlich werden die Bilder grundlegend von anderen Usern als den Testkandidaten mehr geklickt und Insta rankt den Beitrag anhand der Klicks. Aber auch eine schöne Theorie das Insta nackte Haut bevorzugt.
    Davon abgesehen, wem gehen die fremden hübschen Damen die einen als Freund hinzufügen möchten auch noch auf die Nerven?

    *Vielleicht kooperiert Insta heimlich mit youporn*


  •   23
    Gelöschter Account vor 4 Monaten Link zum Kommentar

    Erster

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