Tech-Events im Wandel: War Apples WWDC 2020 ein Ereignis für die Ewigkeit?

Tech-Events im Wandel: War Apples WWDC 2020 ein Ereignis für die Ewigkeit?

Es ist ein verrücktes Jahr 2020 – auch in der Tech-Branche. Der Coronavirus-Ausbruch hat den traditionellen Tech-Messen und Produkteinführungen vorübergehend ein Ende gesetzt, zumindest was die Presse und die öffentliche Beteiligung betrifft. Aber gerade in dieser Branche liegen neue digitale Lösungen nahe. Ist das Jahr 2020 also das Ende von Tech-Events, wie wir sie kennen?

Erinnert Ihr Euch noch an den Februar und an Samsungs Unpacked-Event zur Vorstellung der Galaxy-S20-Serie? Es fühlt sich sooo weit entfernt an. Dabei ist diese vielleicht letzte große Pressekonferenz noch vor dem Mobile World Congress in Barcelona gerade einmal vier Monate her. Hunderte Journalisten, Blogger und Influencer strömten in ein Theater in San Francisco, um sich die neuesten Flaggschiffe des südkoreanischen Giganten anzusehen. Tage später wurde der Mobile World Congress abgesagt. Huawei und Honor tauchten trotzdem auf und hielten einen Launch ab, aber alle anderen blieben weg. 

Hier kommen unsere vier Thesen, was sich nun ändert.

1. Live is live: Schluss mit den PK-Fails

Die meisten von Euch werden sich noch an den legendären Meltdown von Michael Bay bei der Samsung-Pressekonferenz auf der CES 2014 erinnern – und an Teslas Fail mit der doch nicht so bruchsichere Scheibe bei der Cybertruck-Vorstellung sowieso. Die Zeiten sind leider (vorerst) vorbei.

Huawei und Honor haben es mit ihren vorab aufgezeichneten Live-Streams bereits auf den traurigen Resten des MWC gezeigt. Die gebuchten Räume war voll von Journalisten, aber Richard Yu stand nicht auf der Bühne. Stattdessen stand der CEO vor einer PowerPoint-Präsentation, klickte sich durch die Folien und hielt dann schließlich das neueste Produkt in die Kamera. 

Fehlte hier bereits der "Live-Charme", hat Apple die Online-Launches mit seiner WWDC 2020 auf die nächste Stufe gebracht. Mit klinischer Präzision haben Tim Cook & Co. in einem perfekt inszenierten Produktvideo aus dem Apple-Park ihre Produktneuheiten runtergerattert. Aalglatt.

2. Demokratisierung der Events

Aalglatt – und für alle gleich. Es gab bei Apples WWDC dieses Mal keine Privilegierten, die per Business-Class in den Tech-Olymp eingeflogen wurden und anschließend mit den ersten Hands-ons der "Käse-Reibe" um die Klicks buhlten. Stattdessen sahen sich hunderttausende Journalisten und Apple-Fans den exakt gleichen Livestream an. Völlig demokratisch. Völlig kalt.

Nach wenigen Stunden war das Event für uns in Artikeln aufgearbeitet, nach einem Tag für die meisten von Euch auch gegessen. Es gab keine Hands-on-Videos, keine Memes, keine Interviews, sondern nur Apples fehlerfreie Hochglanz-Marketingbotschaft mit der Angriffsfläche eines emotionalen Vakuums.

 

Aber ist dies die Zukunft der WWDC für Apple? Wahrscheinlich nicht. Bei der Worldwide Developers Conference geht es ebenso sehr um den Kontakt mit Entwicklern wie um jene große Keynote, die die WWDC-Woche traditionell eröffnet. Aber wie sieht es mit der nächsten iPhone-Einführung oder Google I/O oder der CES 2021 im Januar nächsten Jahres aus?

Es gibt durchaus Tech-Experten, die glauben, Apple habe mit der digitalen Ausgabe der WWDC 2020 die Blaupause für zukünftige Techveranstaltungen geschaffen. Für demokratische, barrierefreie Events. Eine Rückkehr zur klassischen Bühnen-Show wird sich wie ein Schritt zurück anfühlen. 

3. Virtuelle oder augmentierte Realitäten? 

Dabei steht das Format "digitales Event" noch komplett am Anfang. BMW hat vergangene Woche VR-Brillen an diverse Medien verschickt, so auch an uns – und eine virtuelle Pressekonferenz abgehalten. Allerdings war das Event eher enttäuschend: Die meiste Zeit stand der Zuschauer vor einer bis drei Referenten, die relativ medienarm über die Vorzüge neuer Technologien referierten, immer wieder unterbrochen von recht hölzernen Testfahrten mit BMWs. Das war eher Lada als BMW.

OnePlus trommelt gerade mit einer gelungenen Social-Media-Kampagne für Ihre neue Mittelklasse – und hat just für das OnePlus Nord ein Augmented-Reality-Event am 21. Juli angekündigt. Es kann nur besser werden als bei den bayerischen Kollegen.

Die neuen Formate sind unterm Strich eine Chance für kleine Unternehmen, mit frischen Ideen um Aufmerksamkeit zu haschen; quasi als krasser Kontrast zu Qualcomm, die jährlich zum Tech Summit in Hawaii einladen. Ob die Technosphäre so eifrig über SoC-Benchmarks und Chip-Neuheiten berichten würde, fänden sie in Pforzheim statt?

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Die mobile Plattform Snapdragon 855 mit traditionellen hawaiianischen Blumen. / © Qualcomm

4. Die physikalischen Events kommen zurück

Und genau weil Pfortsheim nicht Hawaii ist, werden die physikalischen Events zurückkehren. Die Aussicht auf eine Reise nach Hawaii wird sämtliche hehren Gedanken zu CO2-Einsparungen verpuffen lassen – und Qualcomm spätestens zum Tech Summit 2021 wieder Silikon auf Blumenkränze drapieren.

Für die Endkonsumenten der Medienindustrie mag es nicht so ersichtlich sein. Doch im Laufe des vergangenen Jahrzehnts sind Hersteller wirklich gut darin geworden, die Berichterstattung zu kontrollieren; besonders Apple. Genehme Journalisten werden gepampert und erhalten Produkte teilweise Wochen vor den Launches. Wichtige, aber womöglich potenziell unangenehme Medien werden durch Hands-on-Events mit deutlichen Briefings, strikten NDA-Verträgen und strikteren Zeitvorgaben geschleift, bei denen die Herstellervertreter auch mal die Testgeräte unter der laufenden Kamera wegziehen.

Und der Rest? Der darf sich im Anschluss an die Pressekonferenz mit dem "Pöbel" um jene wenigen Geräte prügeln, die mit überdimensionalen Diebstahlsicherungen an den Tischen festgeflanscht sind. Die katastrophale Beleuchtung, der ohrenbetäubende Lärm und der Zeitdruck durch die nervös wartenden Kollegen machen es fast unmöglich, hier sinnvolles Material entstehen zu lassen.

 

Ob Qualcomm, Samsung oder LG: Dieses System wird kaum ein großer Hersteller aufgeben. Sobald die Voraussetzungen durch einen Corona-Impfstoff geschaffen sind, werden wir teilweise zum Ursprungszustand zurückkehren. Was uns hoffentlich bleibt, ist eine vielfältigere Medienlandschaft, die zum Experimentieren gezwungen war und neue Formate hervorgebracht hat. 

Ausblick: IFA 2020

Entsprechend gespannt sind wir auf unsere Hausmesse hier in Berlin. In diesem Jahr wird die IFA 2020 ein physisches Ereignis bleiben, wenn auch mit einigen neuen "digitalen Innovationen". Wie der MWC als Fachmesse übrigens jedes Jahr wird nun auch die IFA für die Öffentlichkeit geschlossen sein und sich auf die Medien konzentrieren – mit maximal 1.000 Personen pro Veranstaltung und Tag. "Ohne menschliche Verbindungen, ohne reale Menschen zu treffen, ohne einander zu sehen, das ist nicht dasselbe", sagte Jens Heithecker, Geschäftsführer der IFA 2020. Die Messe in Berlin wird uns vielleicht einen ersten Blick auf die Zukunft dieser großen Tech-Events und Messen für B2B-Kommunikation geben.

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Die Besucherzahlen werden zwar geringer sein, aber die IFA 2020 wird als physische Veranstaltung stattfinden. / © ifa-berlin

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10 Kommentare

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  • Warum wird immer so maßlos übertrieben. Es war die übliche Verkaufsveranstaltung nur ohne Zuschauer. Nicht mehr und nicht weniger. Vorgefertigte Filmchen und die üblichen Superlative. Ich bin übrigens kein Apple Hasser. Ich finde nur diese ewigen Übertreibungen zum kot....
    Warum muss das sein? Ihr macht unbezahlte Werbung und euch überflüssig. Wundert euch nicht, wenn ihr irgendwann von den Unternehmen ignoriert werdet, wer braucht euch noch? Apple bestimmt nicht....


  • Hmm und wie sieht es mit der aktuellen Einladung beim unpacked Event von Samsung aus?
    Unpacked Event hört sich nach mehr als nur ein Stream an.


    • Wieso muß ein unpacked Event öffentlich mit Publikum sein ?
      Einladungen werden einfach verschickt für den "Save the Date" Effekt. Schriftliche Einladungen zu einem Online Event sind gerade gegenwärtig nichts neues oder aussergewöhnlich.


  • Ein Ereignis für die Ewigkeit? Ernsthaft? Geht es vielleicht auch ne Spur kleiner?


  • Ich mochte noch nie diese Präsentationen/Ersatz Gottesdienste. 90 Minuten Bla, bla, bla. "Wir sind toll, wir sind die Besten...."
    Mich interessieren viel mehr die Tests hier oder auf YouTube.


    • @Savero
      Aus Marketing Sicht gibt es nichts besseres, daher ist es für mich sehr interessant. Schau mal Apple an und danach Huawei, da weißt wo die Praktikanten bei Huawei eingesetzt werden

      Tim


  • Kann ich mir gut vorstellen, es war auch einfach sehr gut gemacht! Ob man die Live Auftritte noch benötigt wird man sehen.


  • Wird alles überbewertet. 😉

    rolli.kGelöschter Account

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