Webcams im Kontaktverbot: Wie 2020 uns zu Entertainern machte

Webcams im Kontaktverbot: Wie 2020 uns zu Entertainern machte

Hätte ich meiner Mutter vor einigen wenigen Monaten gesagt, dass wir später noch zusammen zoomen könnten – sie hätte womöglich verwundert eine alte Videokamera aus dem Keller geholt. Inzwischen kann sie, wie unzählige ehemalige Technik-Laien, in Sekundenschnelle ein Video-Meeting starten und wechselt für ein kurzes Hundevideo souverän zur Rückseitenkamera. Das Jahr 2020 hat uns zu Entertainern gemacht und zeigt, wie gut Menschen sich und Ihre Umstände anpassen können.

Dass sich viele Menschen im Jahr 2020 mit Videotelefonie und ihren Eigenheiten auseinandersetzen müssen, ist jetzt keine bahnbrechende Erkenntnis, das muss ich zugeben. Doch in den letzten Wochen konnte ich immer wieder beobachten, wie Mütter, Väter, Tanten, Omas, Freunde und Arbeitskollegen in den bisher immer nur in Ausnahmesituationen verwendeten Video-Features in WhatsApp oder Dienste wie Zoom eben nicht nur ein Mittel zum Zweck sahen.

Denn die weitgreifenden Kontaktbeschränkungen ließen uns in diesem Jahr keine andere Wahl: Entweder man sieht sich gar nicht und telefoniert – oder man vertraut auf die Kameras, die sich in Smartphones, Tablets und Notebooks befinden. Für viele Menschen ist das erst einmal ungewohnt und bedarf einiges an Überwindung. Zu Anfang der Corona-Pandemie war das Internet voll von Beschwerden über die unzureichende Qualität der Bilder und über die Probleme, die mit Videotelefonie einhergehen. Doch warum sind Videotelefonate eigentlich so ein Problem? Ist mit Bild und Ton nicht eigentlich alles perfekt, um wie im Café mit jemandem zu sprechen?

Videotelefonie, soziologisch gesehen

Über die Gründe, warum digitale Kommunikationsmöglichkeiten nicht an “echte” Gespräche heranreichen, gibt es viele Studien. Hier bewährt sich die Soziologie als echte Goldgrube, da sie viele Werkzeuge zur Analyse sozialer Situationen mitbringt. Was können die modernen Technologien also nicht leisten, was in echten, menschlichen Interaktionen selbstverständlich ist und wo fügen sie dem ganzen Probleme zu?

Ganz grundlegend unterscheiden viele soziologische Theorierichtungen zwischen Face-to-Face-Interaktionen, also der Kommunikation in gegenseitiger Anwesenheit, und medial vermittelter Interaktionen. Im Vergleich zu E-Mails, WhatsApp-Nachrichten und SMS besitzen Videotelefonate schon einmal den Vorteil, dass sie synchron laufen. Wie in einem Face-to-Face-Gespräch können Interaktionspartner also in Echtzeit auf Reaktionen und Fragen des Gegenüber reagieren. Gleichzeitig sind sie unter Druck gesetzt, möglichst sofort auf Ihr Gegenüber zu antworten oder zumindest mit einer Geste reagieren zu müssen. Rein zeitlich gesehen reicht Videotelefonie also an die Kommunikation unter Anwesenden heran.

Dass Videotelefonate dem noch Mimik und Gesten hinzufügen, ist auf den ersten Blick ein Vorteil, den Skype, Zoom und Co. gegenüber den ebenfalls synchronen Telefonaten haben. Doch dabei gibt es feine Unterschiede, die in Interaktionen zu Problemen führen.

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Schau mir in die Augen, Kleines? Nicht so bei Google Meet und Co.! / © Google

 

Im Vergleich zu Face-to-Face-Interaktionen vollkommen untypisch ist beispielsweise, dass Euer eigenes Gesicht als kleiner Kontrollmonitor auf dem Bildschirm angezeigt wird. Der Soziologe Dirk Bäcker sieht darin ein Problem, wie er in einem Interview mit Der Standard verriet. Denn sich selbst eben nicht wahrzunehmen, sei eine wichtige Voraussetzung dafür, dass wir in Interaktionen ein “Ich” formen können. Im Videochat müssen wir jedoch nicht nur darüber nachdenken, wie andere uns wahrnehmen, sondern auch, wie wir uns sehen, während andere uns sehen.

Hinzu kommt ein weiteres Phänomen, das mit Blicken zu tun hat. In einer Arbeit von Catherine Bertrand und Laurent Boudeau aus dem Jahr 2010 heißt es, dass nonverbale Kommunikation in Skype-Gesprächen weniger gut genutzt werden könne, da kein direkter Blickkontakt zwischen den Teilnehmern entstehe. Dieses Phänomen kennt jeder: Schaut man dem anderen im Videotelefonat in die Augen, schaut nicht direkt in die Kamera - schaut man in die Kamera, sieht man seinen Gesprächspartner nicht. Schon die minimale Distanz zwischen Kamera und Bildschirm ist also ein Problem und führt dazu, dass die Kommunikation entfremdet wirkt und dass wir in der Interpretation von Gestik und Mimik verunsichert werden. Doch bevor ich mich in Theorien verliere: All diese Hürden haben wir in diesem Jahr auf uns genommen und dabei etwas sehr Menschliches bewiesen.

Nimm’s mit Humor!

Noch ein kurzer Nerd-Exkurs: Der Anthropologe Arnold Gehlen beschreibt den Menschen in “Der Mensch, seine Natur und seine Stellung in der Welt” als Mängelwesen und sagt Ihm gegenüber Tieren “fehlende Instinkte und mangelnde Spezialisierung” zu. Die Schwäche als Vorteil nutzend, entwickelten Menschen daher eine einzigartige “Weltoffenheit” und nutzen ihre mangelnden sensorischen und motorischen Fähigkeiten dazu, um die Umgebung seinen Bedürfnissen anzupassen. Menschen hadern also nicht lange, ihre Umgebung an die eigenen Vorstellungen und Wünsche anzupassen.

Kartoffelkopf
In diesem Kartoffel-Filter ist eine Frau stecken geblieben und wurde zum Internet-meme. / © Snapchat / Screenshot: NextPit

Wir warten nicht lange, einen eigentlich für Unternehmen gedachten Dienst wie Zoom für Videotelefonate mit den Liebsten zu nutzen. Oder einen austauschbaren Hintergrund in Google Meet einfach so zu verwenden, dass man virtuell im Wohnzimmer der Eltern sitzt. Oder in Sozialen Medien eine neue Wirklichkeit zu kritisieren und gemeinsam mit Humor zu sehen, die uns genauso gut lähmen könnte, da sie uns eine Grundlage zum Leben nimmt. Der Mensch ist ein soziales Wesen und nimmt man ihm diese Sozialität, da sie plötzlich das eigene Leben bedroht, passen wir unsere Umwelt eben so an, dass wir das Soziale möglichst gut kompensieren können.

Sicher würde mir meine ehemalige Anthropologie-Dozentin für diese Übertragung gewaltig auf die Finger hauen (Kann sie gar nicht – noch ein Vorteil digitaler Kommunikation!), doch die Phase der Beschwerden und des Selbstmitleid war in diesem Jahr in meinen Augen wunderbar gering. Abgesehen von einigen dauermeckernden, selbsternannten “Querdenkern” habe ich in beiden Lockdowns Menschen beobachten können, die zusammenhielten und aus der Situation das beste machten.

Technik steht häufig im Verruf, Menschen auseinander zu bringen. In der Bahn schaue doch jeder aufs Handy, sagen sie, aber wie oft habt Ihr vor der Erfindung des Handys spontan im Zugabteil ein Gespräch begonnen? 

Denke ich mir den technischen Fortschritt der letzten 20 Jahre einen Moment lang weg, würde ich aktuell ziemlich einsam in Berlin herumhängen. Die Freundin wäre unerreichbar, die Familie hätte ich das letzte Mal im August gesehen. 

Aber da wir uns alle nicht nur mit den Umständen zufrieden geben, sind sie jetzt nur einen Knopfdruck entfernt und können mir in Echtzeit zeigen, was denn in ihrem Adventskalender war. Mängelwesen und stolz darauf, lade ich mir die Heimat eben auf Google Street View herunter und stehe zumindest virtuell vor der Haustür.

Wenn Ihr diesen Artikel lest, ist es schon Dezember! Und weil der Journalismus sich in diesem Jahr ganz schön auf Negativmeldungen gestürzt hat, wollen in den letzten Top-Storys des Jahres auf einer positiven Note enden! Welche positiven Erfahrungen habt Ihr mit Skype, Zoom, Meet und Co. in diesem Jahr gemacht? Lasst es mich wissen, alle negativen Kommentare werden gelöscht – sorry!

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2 Kommentare

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  • Vielen Dank für diesen schönen, positiven Artikel, das bräuchten wir in diesen Tagen öfter. Auch ich bin begeistert von den Kommunikationsmöglichkeiten, die wir heute nutzen können. Ich war in der Vor-Internet-Zeit als Student neun Monate im Ausland und ich kann mich noch gut erinnern, wie einsam ich mich damals oft gefühlt habe. Selbst ein einfaches Telefonat nach Hause war extrem teuer. Und mehr Möglichkeiten gab es damals nicht, mal eben kurz mit der Familie oder der Freundin zu reden. Heute liebe ich die Möglichkeiten, die man mit SMS, Messengern, Sprachnachrichten und Videocalls hat, um schnell mit anderen in Kontakt zu treten. Auch ich hänge viel am Smartphone, aber die meiste Zeit davon wird dafür verwendet, Kontakt mit Familie, Freunden oder Bekannten zu halten. Das möchte ich nicht mehr missen.


    •   16
      Gelöschter Account vor 5 Monaten Link zum Kommentar

      Gebe ich dir Recht. Wenn man mit den Gedanken zurück geht vor den 2000er Jahren waren eigentlich nur Post und Telefon das Kommunikationsmittel. Dank Internet kann man heutzutage jemanden kontaktieren der selbst hunderte km oder noch weiter weg ist. Vielleicht beamen wir uns nächstes Jahr einfach mal so zu jemanden hin 😜🖖