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Ich glaub, ich werd Amish: Smart-TV-Tastaturen müssen weg

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© Shutterstock: Anetlanda / NextPit

Schließt einen Moment die Augen und stellt Euch folgende Situation vor: Ihr sitzt mit einem netten Menschen auf der Couch und wollt nur kurz am Smart-TV einen Film bei Netflix starten. Und dann beginnt die Tortur: Selbst im Jahr 2022 schaffen es Hersteller für smarte Technik kaum, sinnvolle und flüssige Tastaturen auf ihre Geräte zu installieren. Ein echter Aufreger – aber es gibt auch Hoffnung.

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Grund für diesen Aufreger ist mein kürzlich erschienener Testbericht zum Samsung Freestyle – einem smarten Beamer mit installiertem TizenOS. Denn hier durfte ich nach jahrelanger Nutzung eines Google Chromecasts ohne Fernbedienung herausfinden, dass Smart-TVs ja immer noch völlig unbedienbar sind. Einen riesigen Pool an spannenden Inhalten kann man mit dem Freestyle nur sehr hakelig und Hutschnur hochziehend ansteuern.

Die Fernbedienung des Samsung Freestyle.
Normale Fernbedienungen sind einfach nicht auf die moderne Welt vorbereitet! / © NextPit

Zum Test musste ich natürlich mein WLAN-Netzwerk einrichten und dann traf ich ihn. Den Endgegner, der mich wie beim Wutanfall-RPG Dark Souls beim ersten Angriff einige Meter nach hinten schleuderte. Das Monster unter dem Bett, das ich Kindheit nenne und auf dem ich doch eigentlich so gut schlafe. Eine virtuelle Tastatur, die ich nur über die vier Richtungstasten einer Fernbedienung steuerbar ist.

21 Zeichen bis zum Wutanfall

Mein WLAN-Passwort ist eine Kombination aus Zahlen und Buchstaben, die 21 Zeichen lang ist. Und auf einer virtuellen Tastatur sind das bei 26 Buchstaben und 10 Ziffern ganze 756 Tastendrücke, die ich im schlimmsten Falle tätigen müsste. Okay, am Ende waren es vielleicht 100 bis 200, aber selbst das ist viel zu kompliziert. Zumal die Tasten fummelig sind und das Betriebssystem schon bei der Einrichtung zum Ruckeln neigt.

Nach der Eingabe meines Passworts folgten natürlich noch weitere notwendige Eingaben, wie zum Beispiel mein Samsung-Account plus Passwort. Das ist dann besonders angenehm, seine eingeladenen Gäste an einem Filmabend dazu auffordern zu müssen, sich für die Eingabe eines Passworts die Augen zuzuhalten. "Hast Du's gleich?" – Natürlich habe ich mich vertippt und dreimal das falsche Passwort eingegeben.

... "Wollen wir nicht lieber ins Kino gehen?" ...

QWERTZ, QWERTY oder lieber ABCDEF?

In meinen Jahren als Technikjournalist sind mir schon die buntesten virtuellen Tastaturen unter die Finger gekommen. Dabei ist das gewohnte QWERTZ-Layout sogar noch das angenehmste. Es gibt tatsächlich Unternehmen, vornehmlich Autohersteller, die denken, dass Menschen lieber eine virtuelle Tastatur in alphabetischer Anordnung nutzen würden.

Zwar wurde das QWERTZ-Layout dazu entwickelt, Kollisionen in der Mechanik einer Schreibmaschine beim Tippen zu vermeiden, und ist somit herrlich unnatürlich – wir haben uns aber in den Jahren daran gewohnt. In einem 10-Finger-Schreibkurs, den ich nach wie vor als für meinen Berufszweig sinnvollsten Kurs im Gymnasium auszeichne, habe ich dieses System sogar auswendig gelernt.

Warum zur Hölle soll eine virtuelle Tastatur dann plötzlich mit "ABCDEF" einfacher bedienen zu sein? Weil wir als

Kinder das Alphabet auch in "richtiger" Reihenfolge lernen? Es gibt Konventionen! Und die gelten auch, wenn eine Tastatur nicht ab Werk vorkonfiguriert ist.

Wie virtuelle Tastaturen ihren Schrecken verlieren

Doch es gibt Hoffnung, meine lieben Leidensgenossen und Leidensgenossinnen. Moderne Unternehmen, die von der Problematik um virtuelle Tastaturen wissen, haben sich clevere Systeme überlegt. Netflix beispielsweise ermöglicht es Euch, Logins einfach über einen Code im Internet durchzuführen. Ihr scannt also mit dem Smartphone (clever, oder?) einen QR-Code auf dem Fernseher oder Beamer und müsst dann bei gespeichertem Passwort nur noch eine Zahlenkombination eingeben.

Andere wirklich smarte Hersteller von Smart-TVs haben einfach mal die Technik aus einer Nintendo WiiMote ausgebaut und in eine Fernbedienung gepackt. So kann man ohne Tasteneingaben zumindest ein wenig einfacher Eingaben am Bildschirm vornehmen. Alternativ könnt Ihr bei den meisten Smart-TVs auch Bluetooth-Tastaturen verbinden, um Eingaben einfacher vorzunehmen. Bei Modellen wie der Logitech MX Keys, meiner Alltime-Favourite-Tastatur, könnt Ihr sogar zwischen bis zu drei Bluetooth-Verbindungen umschalten.

Fazit oder "Ist Ben schon auf dem Weg in die USA?"

Nein, natürlich bin ich nicht zu den Amish gefahren, um Scheunen ganz ohne Maschinen innerhalb eines Tages aufzubauen. Abgesehen davon, dass ich dafür ohnehin zu wenig Bartwuchs hätte, verstehe ich die Einfachheit virtueller Tastaturen natürlich. Vor allem bei der Einrichtung neuer Geräte ist es für Hersteller viel einfacher, die erste WLAN-Verbindung über die System-UI zu realisieren. Dass es anders geht, zeigt Google mit dem Chromecast aber dennoch.

Umso wichtiger sind also kreative Eingabemöglichkeiten wie die Nutzung von QR-Codes oder Smartphone-Steuerungen wie das "Waipen" beim Live-TV-Anbieter Waipu.tv. Damit, und da bin ich mir sicher, könnten wir virtuellen Tastaturen für immer den Garaus machen.

Regen Euch virtuelle Tastaturen so sehr auf wie mich? Und findet Ihr auch, dass "Ich glaub, ich werd Amisch" eine super Reihe an Wutkommentaren werden könnte? Schreibt mir das doch gerne in die Kommentare. Unabhängig davon, mit welcher Tastatur Ihr den Kommentar verfasst!

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4 Kommentare

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  • Kai Henker vor 1 Woche Link zum Kommentar

    Ich habe mir erst vor 12 Jahren so einen flachen Fernseher kaufen müssen - meine gute Röhre hatte aufgegeben. Lange gesucht, "smart" brauchte es nicht - ein Alptraum !
    Ich wollte "nur" das Fernsehprogramm haben, meinen DVD-Player und bei Bedarf den Telekom-Receiver dran haben. Das ganze über Scart angeschlossen, nur eine Fernbedienung. Ist der Fernseher aus, kriegen alle anderen Geräte das Signal und gehen auch aus, umgekehrt das Gleiche : DVD-Player kriegt Strom - Fernseher geht an und schaltet auf die Bildquelle DVD-Player um.
    Unmöglich ! Ging jahrzehntelang ohne Probleme - nicht mehr machbar!
    Habe dann kurz vor Weihnachten, im Bahnhofskaffee wartend, via Smartphone bei Amazon einen runtergesetzten Fernseher gekauft, da daheim nun nichts mehr ging : Smart-TV , aber Leidensdruck der Freundin, allgemeiner Frust, etc ... schlußendlich der Preis.
    Naja, ganz nett - aber trotz Scart war diese Schnittstelle komplett verkrüppelt, nicht nutzbar. Also dann Neukauf und gleich Blu Ray Player vom gleichen Hersteller.
    Zu meiner Überraschung können die 2 Geräte direkt miteinander - einen kleinen Knubbel mittels Kabel in die Nähe des Telekom Receivers gelegt, kann das Ding aich mit der TV-Tastatur bedient werden.
    Danach der Endschluß, das ganze mal ans heimische Netz zu klemmen - trotz oben beschriebener Eingabemethode - geht das recht flüssig vonstatten. T9-Eingabe fand ich damals nerviger ... einzig bei so Sachen wie Twitch bzw. mal den Webbrowser bedienen wurde es anstrengender.
    Da hat dann eine kleine Tastatur für die Couch geholfen - Logitech K400 Plus (? - oder so ... ) hat Wunder gewirkt.
    Andererseits gibt es genügend Apps um das auch per Smartphone oder Tablet komfortabel zu benutzen. Eigentlich kein Thema - da finde ich bei den ganzen Fernsehern das simple Sortieren der Sender und dabei auch das Fixieren auf diesen Platz viel nerviger.
    Die Mutter meiner Freundin hängt im Kabel bei dem ehemaligen Telecolumbus Anbieter und die würfeln alle paar Wochen die Sendeplätze durcheinander. Ich brauche zwar nur rund 45 Minuten um das zu korrigieren, aber mit 85 Jahren ist das von ihr nicht mehr schaffbar.
    Ach ja - der TV läuft hier immer noch normal, intern hat man "Apps" raus und wieder rein gepackt - und kommt von Samsung.
    Für mich immer noch die simpelste Bedienung, gilt für mich nachwievor für Smartphone und TV.
    Nerviger in dem Bereich ist mittlerweile die OnScreen-Werbung bei einigen Sendern sowie die halbe unterer Anzeigefläche einnehmenden Datenschutzerklärungen um mir, trotz Konfiguration und NEIN, die Werbung munter anzuzeigen und das eigentlich Fernsehbild auf einen Miniausschnitt irgendwo nebenbei anzuzeigen. Das ist für mich der Grund, warum die Kiste bis auf ein paar Stunden im Jahr aus bleibt. Die paar Perlen, die ich mir dann mal anschaue, kann man an einer Hand abzählen.


  • Conjo Man vor 1 Woche Link zum Kommentar

    Ihr habt eindeutig die falschen TV Geräte und/oder zu lange Passwörter ;-)


  • Hobl vor 1 Woche Link zum Kommentar

    Grauenhaft: wenn ich mir z.B. auf Dazn ein Fussballspiel ansehen will, schalte ich schon 15 Minuten vorher ein. Ich weiß nämlich vorher nicht, ob ich dazu aufgefordert werde, mein Dazn Passwort einzugeben. Das Einzige, was ich ohne Fernbedienung vermissen würde, sind die Programmwahltasten.


  • Michael K. vor 1 Woche Link zum Kommentar

    Diese virtuellen Bildschirmtastaturen halte ich auch für einen riesigen Mist (an Geräten mit tastaturloser Fernbedienung), ob sie nach dem QUERTZ-Schema oder dem ABCDE-Schema angeordnet sind, allerdings dann auch für vollends egal. Da denkt man sich extra ein kompliziertes Passwort aus, und zur "Belohnung" dann diese Fummelei auf bis zu drei Tastaturebenen. Als Gipfel der Frechheit werden einfache Passwörter dann noch zuweilen als zu unsicher abgelehnt. Es sind aber nicht nur smarte Fernseher oder Beamer, sondern jedes Streaming-Gerät, das das Problem aufwirft, und meiner Erfahrung nach lässt sich längst nicht jeder dieser Media-Player mit einer Bluetooth-Tastatur koppeln.
    Alternativen wurden genannt, weitere könnten Fingerabdrucksensoren in den Fernbedienungen sein, Authentifizierungs-Emails mit Bestätigungslink oder sogar die Unterstützung von FIDO-USB-Keys, was allerdings dann auch leicht zugängliche USB-Buchsen an den Geräten, oder noch besser, den Fernbedienungen, erfordern würde. Spracheingabe kommt aus naheliegenden Gründen nicht in Frage, allerdings ist eine verdeckte Passworteingabe häufig ohnehin so gut wie unmöglich, da die Eingabe an einer virtuellen Bildschirmtastatur zu allem Überfluss noch sehr fehlerträchtig ist.
    Auch ein reiner Zahlencode, der sich mit den Ziffern der Tastatur der Fernbedingung eingeben liesse, könnte schon eine Erleichterung sein, den Anmeldenamen müsste man aber dann immer noch mit der Fummeltastatur eintippen, wo erforderlich.
    Damit liesse auch sich ein zweites lästiges, wenn auch längst nicht so gravierendes Problem lösen, die Eingabe der Jugendschutz-Pin. Die mag sinnvoll sein in Haushalten mit Kindern oder Jugendlichen unter 18 Jahren, in den vielen Haushalten, in denen keine unter 18 Jährigen (mehr) leben, ist sie aber nur lästig. Auch wenn vier mal die 0 oder 1,2,3,4 leicht zu merken und schnell eingegeben sind.

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