My Time at Portia im Test: Android/iOS-Spiel des Monats

My Time at Portia im Test: Android/iOS-Spiel des Monats

My Time at Portia ist das Handyspiel des Monats August, das ich für Euch ausgewählt und getestet habe. My Time at Portia wurde zuerst für Konsole und PC veröffentlicht und ist nun auch für Android und iOS erhältlich – für 8 Euro. Das Spiel orientiert sich stark an Lebenssimulationen wie Animal Crossing oder Stardew Valley.

Zurück aus meinem Urlaub habe ich für Euch gleich eine frische Ausgabe des "Handyspiel des Monats". in der ich ein Videospiel für Android-Smartphones und/oder iPhones ausführlich vorstelle. In der vorherigen Ausgabe ging es um Unmaze von Arte.

Diese Folge ist My Time at Portia gewidmet, einem Spiel von Pathea. Das unabhängige chinesische Studio mischt viele Genres – von RPG bis Lebenssimulator, Survival und Management. My Time at Portia ist eine gelungene Portierung für Mobilgeräte, die für ein Handyspiel eine überraschend lange Lebensdauer bietet. Es lässt den Spieler in eine immersive offene Welt eintauchen, allerdings auch bedingt durch ein Gameplay, das schnell im wahrsten Sinne des Wortes mühsam werden kann.

Inhalt:

Was für ein Spiel ist My Time at Portia?

In einem Satz? My Time at Portia ist ein 3rd-Person-RPG gekoppelt mit einem 3D-Open-World-Ressourcenmanagement-Spiel mit einem Kampfsystem, Platforming und einer Lebenssimulation. Ihr spielt einen Charakter, den Ihr in klassischer Rollenspiel-Manier erstellt, und bewegt Euch in einer offenen Welt.

In dieser offenen Welt spielt Ihr einen Handwerker, der die Werkstatt seines Vaters in der fiktiven Stadt Portia übernimmt und damit einer der offiziellen Bauherren der Gemeinde wird. Hier kommt die zweite Ebene des Spiels ins Spiel: die Verwaltung. Für jedes Bauwerk, das Ihr zugewiesen bekommt, müssen bestimmte Ressourcen abgebaut oder hergestellt werden. Die Spielfigur hat einen Lebens- und einen Ausdauerbalken, die sich mit der Erfüllung der Aufgaben verringern – und das Spiel unterliegt einem Tag-/Nachtzyklus.

Damit kommen wir zur dritten Ebene: der offenen Welt. Die Karte von Portia ist ziemlich groß. Jeder NPC (Nicht-Spieler-Charakter) hat seine eigene Persönlichkeit, seine Vorlieben, seinen Job und seinen Zeitplan. Manche Geschäfte oder Gebäude schließen zu einer bestimmten Zeit. Womöglich ist jene Figur, mit der Ihr dringend sprechen wollt, gerade unterwegs – je nach Uhrzeit im Spiel.

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Die Karte von My Time at Portia ist ziemlich riesig. / © NextPit

Die vorletzte Ebene von My Time at Portia ist die Lebenssimulationsebene. Euer Platz in der Gemeinschaft von Portia und Eure Beziehungen zu den Bewohnern entwickeln sich. Je mehr Aufträge Ihr abschließt, desto mehr Ansehen in der Werkstatt habt Ihr – und desto üppiger fallen die Belohnungen aus. Bedeutet: bessere Ausrüstung, schickeres Haus. Ihr könnt Euch mit NPCs anfreunden, sie zu einem Date einladen und dann ein Liebespaar werden. Sogar heiraten und Kinder (oder Katzen) sind drin.

Kommen wir zur letzten Ebene: dem Abenteuerspiel. My Time at Portia bietet ein Kampfsystem mit Endgegnern, Dungeons, Jump'n'Run-Elemente und mehr. Auch das Erkunden der Karte wird belohnt, denn überall sind Truhen versteckt. My Time at Portia hat auch einen erzählerischen roten Faden. In jedem Kapitel gibt es ein besonders schwieriges Bauwerk, das eine besser ausgestattete Werkstatt verlangt.

Story (keine Spoiler): Handwerker-Simulator 2021 in einer Post-Apo-Welt

Portia ist eine Hafenstadt an der Küste des Westlichen Ozeans und Mitglied der Allianz Freier Städte, einer Konföderation mehrerer Stadtstaaten, die sich zum politischen und militärischen Schutz vor dem Duvos-Imperium gebildet hat. Aber die Welt von My Time at Portia ist weit weniger ernst, als meine Beschreibung vermuten lässt.

Die Haupthandlung besteht darin, dass Ihr in die Stadt kommt und die Werkstatt Eures Vaters übernehmt, der auf ein Abenteuer in ferne Länder gegangen ist. Ihr seid also der offizielle "Baumeister" der Stadt – angestellt und beaufsichtigt von der Gilde der Baumeister, um die sich die gesamte lokale Wirtschaft und Industrie dreht.

Aber es gibt auch eine Nebenhandlung. Auf Reisen durch die offene Welt erfährt der Spieler, dass Portia auf den Ruinen einer antiken Stadt gegründet wurde, die 330 Jahre zuvor durch eine Katastrophe von der Landkarte verschwunden war. Es folgte ein dunkles Zeitalter, das die Welt ins Chaos stürzte. Erst 200 Jahre später (also ein Jahrhundert vor Eurer Zeit) erhob ein Held namens Peach die Welt aus der Dunkelheit.

Ähnlich wie in Horizon Zero Down hat sich die Gesellschaft technologisch in eine Art anachronistische Gegenwart zurückentwickelt. Die einst glorreiche Vergangenheit ist verloren, abgesehen von ein paar Relikten alter Maschinen und künstlicher Intelligenzen, die im Mittelpunkt einer mysteriösen Verschwörung zu stehen scheinen...

Mehr kann ich nicht sagen, ohne zu spoilern. Ich persönlich habe die Geschichte noch nicht zu Ende gespielt, obwohl ich 75 Stunden mit dem Spiel verbracht habe. Es ist etwas schade, dass die Geschichte oft im Hintergrund steht – zwei Tage Ressourcen sammeln für eine 15-Sekunden-Filmsequenz? Kann frustrierend sein.

Gameplay: Schuften macht Spaß (?)

Das Gameplay von My Time at Portia ist auf dem Papier recht abwechslungsreich, teilweise aber auch repetitiv. Wie oben erklärt, gibt es mehrere Ebenen respektive Phasen: Bauen und Verwalten, Ausrüstung verbessern, Lebenssimulation, Rollenspiel und Kampf.

Die Bastelphasen

In My Time at Portia verbringt Ihr viiieeel Zeit damit, zwischen der Stadt und der Werkstatt hin und her zu fahren. Klar: Das Hauptziel des Spiels ist es, Ressourcen zu sammeln. Die Grundressourcen lassen sich in drei Kategorien einteilen: Erze, Metalle und Holz. Um Erz (Kupfer, Eisen, Bronze...) zu gewinnen, müsst Ihr in die Mine. Um Metalle zu gewinnen, muss man das Erz in einem Ofen schmelzen. Um Holz zu bekommen, fällt Ihr wilde Bäume oder geht zur Baumschule.

Grundlegende Ressourcen können auch mit Hilfe von Maschinen verarbeitet werden. Ihr baut diese Maschinen in Eurer Werkstatt auf dem Montageplatz. Auf dieser Plattform könnt Ihr alles bauen – solange Ihr den richtigen Plan (oder die richtige Zeichnung) gelernt habt.

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Das Inventar kostet viel Zeit. / © NextPit

Einige Konstruktionen erfordern spezielle Werkzeuge oder Teile. Ihr müsst sie also an Eurer Werkbank herstellen, wiederum mit den gesammelten Ressourcen. Wie schnell Ihr vorankommt, hängt davon ab, wie effektiv Ihr Ressourcen verwaltet und die Produktion optimiert. Im Spiel gibt es auch Geld: Die lokale Währung heißt Gol. Mit ihr kauft Ihr Kleidung, Accessories, Werkzeuge, Möbel und Deko für Eure Spielfigur.

All das wird durch die Ausdauer begrenzt. Jeder Schlag mit der Spitzhacke zum Minenabbau oder mit der Axt zum Fällen eines Baumes kostet Ausdauerpunkte. Ist die Ausdauer leer, war's das mit der Produktivität. Ihr müsst dann entweder etwas essen oder trinken, um die Ausdauer wiederherzustellen – oder schlafen. Das Freischalten bestimmter Fähigkeiten und das Verbessern bestimmter Werkzeuge spart Ausdauer.

Zeit

Ein sehr wichtiges Konzept in My Time at Portia ist die Zeit. Das Spiel hat einen stündlichen Zyklus, Tag und Nacht sowie Jahreszeiten und Wetter. Nach meinen 75 Stunden Spielzeit ist im Spiel über ein Jahr vergangen.

Dieses Element ist aus zwei Gründen sehr wichtig. Erstens: die Figur muss schlafen. Zu einer bestimmten Zeit, in der Regel um 2:30 Uhr, werdet Ihr gezwungen, Eure Aktivitäten einzustellen – und automatisch zum Schlafen ins Bett teleportiert. Dieser Zyklus gilt auch für NPCs, die jeweils einem eigenen Tagesplan folgen.

Dieser Zyklus ist auch für die Produktion wichtig. Das Schmelzen von Erz schmelzen oder Fällen von Bäumen braucht Zeit. Es bleibt also nichts anderes übrig, zu warten und zu "idlen". Das kann nerven, etwa wenn nur noch ein einziges Teil fehlt, um ein Bauwerk fertig zu stellen – Ihr aber im Spiel fünf Stunden dafür warten müsst (oder durchschnittlich fünf Minuten im echten Leben).

Rollenspiel und Lebenssimulation

Wenn Ihr My Time at Portia zum ersten Mal startet, erstellt Ihr zunächst Euren Charakter von Kopf bis Fuß, wie in einem klassischen Rollenspiel. Ihr Charakter hat dann "Stats", die Ihr im Spielverlauf verbessert.

Dann gibt es natürlich noch immer bessere Waffen und Werkzeuge, um schneller Ressourcen zu sammeln und immer stärkere Gegner zu besiegen. Es handelt sich um eher leichte RPG-Kost, da der Fertigkeitenbaum nicht sehr komplex ist. Aber bei dem vielen Gebaue ist das eine willkommene Abwechselung.

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Die Welt von Portia ist sehr immersiv. Es hat mir Spaß gemacht, sie zu erkunden / © NextPit

Die andere Komponente ist die Lebenssimulation, also die gesamte soziale Interaktion mit den anderen Bewohnern von Portia. Konkret: Jedes Mal, wenn Ihr etwas für einen Charakter baut, erhaltet Ihr Beziehungspunkte und steigert die soziale Verbindung.

Jeder Charakter hat auch eine Liste von Interaktionen außerhalb von Quests oder Missionen. So könnt Ihr Euch jederzeit mit einem NPC unterhalten, ihm ein Geschenk geben, Schere, Stein, Papier spielen, Euch duellieren oder ein gemeinsames Foto machen. Auch für diese Interaktionen erhaltet Ihr Beziehungspunkte.

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Freunde machen ist schwer: Das Fortschreiten der sozialen Verbindung mit den verschiedenen NPCs ist extrem langsam. / © NextPit

Mit dem Fortschreiten Eurer Beziehung werdet Ihr von einem Fremden zu einem Bekannten und von einem Freund zu einem Liebhaber. Macht Euch auch darauf gefasst, von Freunden um Dates gebeten zu werden. Und irgendwann könnt Ihr dann auch heiraten und sogar Kinder bekommen. Klingt nach Sims, klingt abgedroschen, ist aber wichtig. Jeder Charakter bietet unterschiedliche Vorteile – je nach Beziehungsebene. 

Kämpfen

Das Kämpfen steht nicht im Fokus von My Time at Portia – und das ist gut so. Ihr habt ein recht begrenztes Arsenal, bestehend aus einem Schwert und später auch Schusswaffen. Das Kampfsystem ist sehr simpel – es gibt eine einzige Angriffstaste und einen Button zum Ausweichen. Einige Gegnertypen haben unterschiedliche Muster, was für ein wenig Abwechslung sorgt – etwa die Endbosse am Ende der Level. 

Allzuoft habe ich beim Kämpfen wie ein Idiot auf den Bildschirm getippt, ohne dass ich jemals ausweichen musste. Gekämpft wird nur in den Dungeons, obwohl man in der Wildnis auf Feinde in Form von wilden Tieren treffen kann. Die diversen Dungeons sind repetitiv – ebenso wie die Kämpfe. Dies ist eindeutig der Teil des Spiels, der mir am wenigsten gefallen hat.

Schlussfolgerung

Ihr seht schon: Das Gameplay von My Time at Portia ist auf dem Papier abwechslungsreich. Das Spiel vermischt viele Genres und schafft es, Euch mit gut funktionierenden Spielabläufen zu fesseln. Aber zermürbt das Game auch mit Aufträgen, die ewig dauern und viel zu viele Ressourcen erfordern.

Damit fühlt sich das Spiel irgendwann nach Arbeit an – und eher mühsam als unterhaltsam. Ihr könnt aber auch einfach herumlaufen und die Umgebung von Portia erkunden. Ich fand die offene Welt sehr schön – und ich fühlte eine echte Befriedigung, wie einige meiner Bauwerke die Stadt modernisierten.

Grafiken: Zwischen Wind Waker und Wii Sports

Optisch erinnert mich My Time at Portia sehr an Oceanhorn 2 oder Zelda: The Wind Waker. Die leicht cartoonhafte Grafik und die Welt mit einer Mischung aus Fantasy-Natur, verfallenen Städten und untergegangenen Technologien, verleihen dem Spiel eine wirklich interessante Atmosphäre.

Die Stadt Portia wirkt lebendig, mit ihren Gebäuden mit modellierten Innenräumen, ihren Landschaften, die sich mit den Jahreszeiten und dem Wetter verändern, und ihren Figuren, die ihr eigenes Leben leben und deren Gewohnheiten man kennenlernt. Auch, wenn sie nicht besonders detailreich sind und eher wie Nintendos Mii-Charaktere aussehen.

Das Spiel hat auch einige Stabilitätsprobleme, vor allem beim Eintreten in und Verlassen von Gebäuden. Aber zumindest bei mir waren die technischen Probleme nicht so gravierend, wie ich in anderen Rezensionen gelesen habe.

Für meinen Test habe ich My Time at Portia auf einem OnePlus Nord 2 mit dem MediaTek Dimensity 1200 und 12 GB RAM gespielt. Ich habe das Spiel mit der Grafikeinstellung "Hoch" bei 60 FPS laufen lassen. Aber ich denke, dass man bei einem Mittelklasse-Smartphone seine Grafikambitionen zurückschrauben muss. Zum Vergleich würde ich sagen, dass My Time at Portia mindestens so ressourcenintensiv ist wie beispielsweise Genshin Impact.

Das Spiel ist optisch sehr ansprechend. Die Grafik mag nicht realistisch sein, aber das muss sie auch nicht. Portia ist mit der offenen Welt, die sich im Laufe des Spiels verändert und entwickelt, ein schöner Ort zum abschalten. Aber auch nicht zu lange: Es warten Eisenstangen zum Schmelzen und Bäume zum Abholzen!

Fazit

Ist My Time at Portia seinen Preis von 8,99 Euro im Google Play Store und 7,99 Euro im Apple App Store wert?

Allein im Hinblick auf die Langlebigkeit würde ich sagen: Ja! Es ist sehr, sehr selten, dass ein Handyspiel – und noch dazu ein Einzelspieler-Spiel – eine Geschichte bietet, die länger als zehn Stunden dauert. Zugegeben, die Lebensdauer wird durch manche Bauwerke "künstlich" verlängert. Aber es gibt Menschen wie mich, die diesen mühsamen Farming-Aspekt wirklich genießen und lieber all die kleinen Nebenquests erledigen, als sich direkt ins Hauptquest zu stürzen.

Aber es gibt auch negative Seiten. Die Geschichte von My Time at Portia ist gelegentlich frustrierend langgezogen. Ja, es fühlt sich teilweise wirklich wie Arbeit an. Das mag ein guter Weg sein, um die Spieler mehr zu fesseln – vor allem Spieler wie mich, die Games von Anfang bis Ende durchspielen wollen. Aber es ist auch ein Ansatz, der viele Gelegenheitsspieler entmutigen wird.

Anschließend möchte ich darauf hinweisen, dass Ihr Eure Produktion ab dem zweiten Drittel des Spiels stark optimieren und schließlich sogar automatisieren könnt. Viele lästige Aufgaben werdet Ihr also irgendwann los. 

Unter den unzähligen Titeln, die in den letzten Jahren veröffentlicht wurden, kann ich die Anzahl der Smartphone-Spiele, die eine so große offene Welt und eine so lange Spieldauer bieten, an den Fingern einer Hand abzählen. My Time at Portia ist eine ausgezeichnete Portierung – und einfach ein tolles Spiel.

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