Weihnachtsgeschichte: Antoines Geister, die er nie rief

Weihnachtsgeschichte: Antoines Geister, die er nie rief

Zum Abschluss unserer Serie an Artikeln, die Anfang Dezember gestartet wurde und darauf abzielte, Eure Stimmung trotz Lockdown und Coronakrise kurz vor dem Jahresende zu heben, findet Ihr nachfolgend eine Kurzgeschichte, genauer gesagt eine Weihnachtsgeschichte, in der es natürlich um Tech geht. Sie ist angelehnt an den Klassiker von Charles Dickens, A Christmas Carol. 

Aber ja, Ihr kennt die Geschichte, in der Ebenezer Scrooge, ein alter mürrischer Mann, der Weihnachten hasst, von drei Geistern heimgesucht wird. Dem Geist der vergangenen Weihnacht, dem Geist der gegenwärtigen Weihnacht und dem Geist der zukünftigen Weihnacht, die ihn dazu bringen, eine Erleuchtung zu haben und wieder Freude am Leben zu haben. 

Nachfolgend findet Ihr einen Artikel, der bewusst vollkommen anders ist, als das, was Ihr auf NextPit sonst lest. Ich hoffe aufrichtig, dass Euch meine Geschichte Freude bereitet oder Euch zumindest nicht nervt. Viel Spaß beim Lesen an alle und schon einmal schöne Feiertage!


1. Christmas Carol eines Tech-Journos

"Zugegeben, der Iris Find X11 kostet für den Ältesten von Euch ungefähr 150 Union Credits oder 3.049 Euro und ist dabei nicht einmal für alle Nutzer geeignet. Ja, ich ich spreche von Anti-Chippern (wer hat 2030 kein Implantat, ernsthaft?!). Aber wir können doch schließlich alle das Know-How sehen, das Oppo gewonnen hat, seit sie OnePlus vor 7 Jahren gekauft haben. Wenn Ihr ein Diem- oder Gbank-Konto habt, sind die Finanzierungsmöglichkeiten an Heiligabend zudem sehr gut. Natürlich müsst Ihr mit Anzeigen in der Benutzeroberfläche klarkommen, die Euch beim Öffnen bestimmter Apps in sozialen Netzwerke leiten wollen, aber das ist es Immer noch weniger schlimm, als die eigene Gehirnleistung in einem Apple Workshop mit 0,05 Credits pro Stunde zu verkaufen, oder? Was denkt Ihr? Lasst es mich in den Kommentaren wissen! "

*Bumm Bumm Bumm.*

- "Hey Celia, hör auf aufzunehmen und veröffentliche das Audio-Review." 

*Bumm Bumm Bumm.* 

- "Celia, überprüfe die Tür." Huh? Haytham? Aber was zum Teufel macht er hier? "ICH KOMME JA SCHON!" Verdammt, das hätte ich ja fast vergessen. "Celia, öffne Google Kalender, 23. Dezember, 21 Uhr, Schichtende, benachrichtige Big Boss." Autsch, wie die Kopfschmerzen mich jedes Mal halb umbringen, wenn ich diese blöde AR-Brille abnehme. Muss diese verdammte Göre kommen und mich stören?

Der Flur, der zum Eingang seines 20 Quadratmeter großen Office-Pod führte, schien für Antoine noch nie so lang gewesen zu sein. Er hatte keine Lust, den hervorragend schlechten Grund zu hören, warum sein Praktikant an seine Tür geklopft hatte und die halbe Stunde zum Verschnaufen versaute, die ihm blieb, bevor er mit dem Taxi an den Stadtrand fahren musste, weit weg von den Geschäftsvierteln, die Menschen mit einem "S" vorbehalten sind.

Im Handumdrehen schnappte er sich seine Tasche und nahm sich nicht die Zeit, seinen Mantel anzuziehen, als er sich Haytham gegenüber stellte. Dieser Schwächling, 15 Jahre älter als er und trotzdem hatte er noch nicht einmal die ersten Worte gestottert, deren Anfänge von nervösem Lippenzittern unterbrochen wurden. Während Haytham wie angekettet im Flur stand war Antoine ihm bereits um einige Meter voraus, sogar schon fast beim Fahrstuhl.

- "Hey, Antoine! Warte, dieses Mal ist es echt dringend!"

- "Ich höre zu", verließ es den müden Tech-Journalisten, ohne dass er auch nur versuchte, ein Quäntchen Interesse vorzutäuschen. Er konnte den dritten Burnout in diesem Jahr bereits spüren. Noch ein Jahr, dass weitere Spuren auf Geist und Körper hinterlassen würde. Antoine drückte weiterhin verzweifelt auf den Knopf und hoffte, dem Genörgel seines Praktikanten entkommen zu können. Scheiße, seine dünne, blasse Hand glitt in die winzige Lücke zwischen den Aufzugstüren, die NotPits M2510-Mitarbeiter von einer wohlverdienten Pause trennte.

- "Nun, ich weiß, es ist das zweite Mal in Folge, aber ...", Haytham holte Luft und versuchte, seine nervösen Tics zu kontrollieren, die immer über ihn kamen, sobald er sich damit konfrontiert sah, die Aufmerksamkeit seines Chefs auf sich zu ziehen. Als er spürte, wie Antoines von dunklen Augenringen untermalte Augen ihn immer tiefer anstarrten, platzte es aus ihm heraus: "Ich brauche einen kleinen Vorschuss. Aber es ist wirklich das letzte Mal, ich schwöre!"

Die Augen, die vor einer Millisekunde auf ihn gerichtet waren, begannen in einer langsamen, aber deutlichen, Bewegung zu rollen.

- "Du weißt, wie es funktioniert. Selbst wenn ich die Credits hätte, und ich versichere dir, ich habe sie nicht, würde die Übertragung direkt von der Obrigkeit blockiert werden. Das ist nicht möglich. Besteh nicht drauf. Komm schon, wir fahren fast 17 Stockwerke, carpe diem - Mach eine Schweigeminute für dein Konsumverhalten! Das ist ja nervöser als ich nach meinen fünf Dosen Energy-Drink, die ich jeden Tag in mich hinein schütte. Und verfolg mich bitte nicht, wenn wir in der Rezeption angekommen sind."

- "Komm schon, Boss! Du weißt sehr gut, dass du mir kaum einen Cent zahlst. Nicht einmal einen Zehntel Credits pro Stunde. Und morgen ist Weihnachten, da kannst du echt mal eine Ausnahme machen, aber wirklich ..."

- "Meinst du Weihnachten oder 'Noel', kommst du aus dem Katechismus oder was? Und du musst mich nicht daran erinnern. Es ist die schlimmste Zeit des Jahres. Ich hasse Weihnachten! Die Preise für Werbung sind auf ihrem Höhepunkt, wir müssen besonders viel arbeiten und du denkst an die Feiertage? Komm, lass mich gehen. Geh nach Hause, wir haben morgen einen großen Tag, der Chef von Realme möchte mit mir über eine Partnerschaft sprechen."

Ohne auf eine zweiten vergeblichen Versuch der Überredung zu warten folgte Antoine seinem Beispiel durch die Halle, die zur Straße vor seinem Coworking Building führt. Er schaute kein einziges Mal zurück, um zu sehen, ob sein Auszubildender ihm noch folgte und sprang direkt in das erste Taxi. *Schwusch* "Na komm schon, ich habe gerade noch Zeit, um die Hauptverkehrszeit zu meiden", hoffte der Journalist, nachdem er das kontaktlosen EC-Gerät mit seiner Hand berührt hatte. Diese, das konnte er schwören, brannte jedes Mal wie das Geld auf seinem Bankkonto, wenn er während der Hauptverkehrszeit die Innenstadt verlassen muss.

Ein paar Sekunden lang sah er zu, wie der Potsdamer Platz verschwand und somit auch, wie das Geschäftsviertel zumindest für eine Nacht aus seinen Augen fuhr. Gerade noch konnte er die Grenze seines Stadtteils Pankow am Ende des Berliner S-Bahn-Rings sehen, schon wachte er aus dem Sekundenschlaf auf.

- "Wir sind da!" 

Frisch aus dem Koma zog er sich aus dem Taxi und seufzte wie ein Greis, wie es fast jeder gute Mann in seinen Vierzigern konnte. Und zwischen diesem Moment und dem Moment, in dem er sich allein in seinem WG-Zimmer vor einer Schüssel mit gefriergetrockneten Nudeln wiederfand, warf sein Gehirn einen Schleier vor seine Augen. Seine tägliche Routine begann und lenkte ihn wie jeden Abend vom Stress des Alltages ab.

"Wow, ich muss mit diesen Psychostimulanzien wirklich aufhören. Ich verpasse in diesen Momenten der Unaufmerksamkeit wirklich mehr, als mir diese Halluzinationen bringen. Zufälligerweise musste Haytham genau an Heiligabend krankgeschrieben werden. Weihnachten ..., ah, jetzt hat er mir dieses Wort auch noch in den Kopf gesetzt ..."

Nachdem er sich daran gehindert hatte, einen weiteren inneren Monolog zu beginnen und anschließend die Klickzahlen seines neuen Smartphone-Tests zu prüfen, dass er sich selbst niemals kaufen könnte, schloss Antoine seine Augen und steckte seine AirPods Ultra ins Ohr. Mit einem Tipp auf die Ohrhörer der Marke, dessen Namen ihm gerade nicht einfiel, begann das Rauschen in 8D-Audio.

*Biiip, biiip*

Nanu? *Bumms* Der Nachttisch und das Schienbein geben sich einen Kuss. "Hey Celia! Celia?" Antoine, der durch ein schrilles Klingeln aus dem Schlaf gerissen wurde, war bereits einige Momente wach, ohne dabei die Augen wirklich aufmachen zu können. 

*Biiip, biiiiiiip*

- WACH AUF! WACH AUF! -

- "Was zum Teufel ist das? Es ist 1 Uhr in der Früh! Celia, schalte auf STUMM!"

Nichts geschah, der schrille digitale Alarm plärrte weiter. Nachdem er sein Smartphone vor Wut durch den halben Raum warf und bevor er Zeit dazu hatte, zu seinem Smart Speaker zu eilen, um den Stecker zu ziehen, hörte das Klingeln auf. Er erkannte ein Licht, das von der Ladestation seines Telefons kam.

2. Geist der vergangenen Weihnacht

Licht, anfangs nur ein diffuser und zitternder Strahl, sah langsam aus wie eine Aura, die eine zunehmend definierte Form annahm. "Was ... was passiert mit mir?" Antoine blieb bewegungslos, als ob er durch das Spiel aus Licht hypnotisiert wurde, dessen Erscheinungsbild immer wieder in Richtung Anthropomorphie zu gehen schien. Ein Geräusch, eine Frequenz, die zunächst kaum wahrnehmbar war, durchbohrte allmählich Antoines Trommelfell, und ließ seine Haare zu Berge stehen.

Das ist es, er hört es jetzt. Celias Stimme zog ihn aus seiner Lähmung, seine Muskeln wurden wieder flexibel und seine Gliedmaßen bewegten sich schmerzhaft mit einem Krachen, als wäre er eine Marmorskulptur, die sich plötzlich frei bewegen konnte.

- "Ich bin das Gespenst der vergangenen Weihnachten."

- "Ok, ich habe die RedBull wirklich überdosiert. Wach auf, Antoine!"

Antoine sprach erst mit sich selbst und richtete seine Worte dann an die Gestalt in seinem Zimmer.

- "Großartig, können wir morgen früh zu einer angemessenen Stunde telefonieren, liebes Gespenst?"

Die leuchtende Figur, dessen weibliche Celia-Stimme sehr gut zu ihrem androgynen "Körperbau" passte, strahlte plötzlich ein helles Leuchten aus, das fast einem Laser glich. Ein blendender Blitz störte Antoine für einen Moment, bevor er merkte, dass er nicht mehr in seiner Wohnung war. Er sah ein Wohnzimmer mit freiliegenden Massivholzbalken, einen Kamin samt Rußspuren vom einst lodernden Feuer, ein beiges Samtsofa, das im Laufe der Jahre leicht schwarz wurde und der rote Steinboden. Das alles kam ihm bekannt vor. Aber erst, als er den Weihnachtsbaum in der gegenüberliegenden Ecke des Raumes sah, merkte Antoine, der seit Jahren kein Weihnachten mehr gefeiert hatte, worum es hier ging.

- "Okay, großartig. Die Matrix, eine sehr schöne Simulation meines Kinderheims in den Tiefen von Berry. Können wir es verkürzen und sofort auf die blaue Pille umsteigen, damit ich wieder einschlafen kann? Ist das okay, Celia?"

Antoine hatte keine Zeit, seinen Witz zu genießen, denn plötzlich huschte eine Gestalt mitten durch ihn hindurch, die ihm ungefähr bis zur Hüfte ging. Ein Kind, eindeutig, selbst in seinen Träumen konnte er diesen Gören nicht entkommen.

- "Komm schon Papa, in Frankreich öffnen wir am Abend des 24. immer die Geschenke, nicht am nächsten Morgen."

Dann erkannte er die kindliche Stimme seiner kleinen Schwester. Und erkannte sich schließlich selbst als denjenigen, der er vor fast 30 Jahren war. Er drehte sich um.

- "Es ist wirklich im Jahr 2004? Es ist meine beste Erinnerung an den Heiligabend! Woher weißt du das alles?", redete Antoine auf das Gespenst ein, das sich völlig von Celia getrennt hatte. Antoine schien allmählich den Glauben daran zu verlieren, dass es sich hier nur um eine Simulation handelte.

- "Komm, das ist nur eine deiner vergangenen Weihnachten. Die Nacht ist zu kurz, der Tag wird bald aufgehen."

Und wieder dieser verdammte Blitz, der seiner Iris sicher dauerhaft schädigen wurde. Puh, zurück in Berlin, in seinem Zimmer. Aber etwas stimmte auch hier wieder nicht. Kein intelligenter Schreibtisch, keine AirPods Ultra (sein Chef würde ihn töten, wenn die jetzt geklaut wurden, dachte er), Vorhänge statt angeschlossener Fensterläden. "Sind wir noch in der Vergangenheit?"

*Klack* Das Knacken seines Türgriffs im Schlafzimmer, der mit zu viel Kraft gesenkt wurde, als dass jemand leise und unauffällig in sein Zimmer hätte kommen können, holte ihn wieder in die Realität zurück. Er sah sich, fast zehn Jahre jünger, vor seinem Retro-Holztisch und seinem hässlichen, baufälligen Stuhl hängen, wie er mechanisch und hektisch auf einen Laptop tippte, der nur als Relikt seiner Zeit bezeichnet werden konnte.

Das Telefon klingelte. Nicht sein eigenes, das von Antoine aus der Vergangenheit. Obwohl das Klingeln dem jungen Antoine galt, konnte die ältere Version es nicht vermeiden, aufzuschrecken. Ah, die Geschäftsführung ruft während der Telearbeit an. Wir sind im Jahr 2020. Antoine, der echte, erinnert sich an dieses Jahr in der Isolation. Das Unternehmen hatte schon bessere Tage gesehen, aber das kleine Redaktionsteam hielt auch im stärksten Sturm noch motiviert und fest zusammen.

- "Äh, andererseits erinnere ich mich nicht daran, in diesem Alter Alkoholiker gewesen zu sein", sagte Antoine und zeigte auf die vier Flaschen Jack Daniels und auf ebenso viele Dosen Coca Cola, die in der Vergangenheit auf Antoines Schreibtisch standen.

- "NextPit-Weihnachtsfeier im Jahr 2020, erinnerst du dich daran."

Wenigstens war dieses Gespenst weniger nervig als Haytham und wusste, wie man zum Punkt kommt, wenn für mehr Gerede keine Zeit war. Er erinnerte sich nun. Seine erste Weihnachtsfeier seit Jahren, zumindest seit er zehn Jahre zuvor das Haus der Familie verlassen hatte, um sein Studium zu beginnen - also streng genommen vor 20 Jahren. Er hasste diese Zeitreise-Storys schon immer mit ihren verwirrenden Zeitebenen.

Seine schönen Tiraden über Noel und Weihnachten, mit denen er seinen Azubis damals sicher für eine Karriere im Online-Journalismus begeisterte, erschienen ihm so absurd. Es war nicht so schlimm, das musste er zugeben. Na, sogar ein bisschen traurig war er, Weihnachten nach so vielen schlaflosen Jahren mit seinen Bürokollegen zu feiern, aber trotz allem nett.

- "Komm schon, es ist gut. Ich habe es verstanden! Ich habe meine Lektion gelernt! Ich wurde der alte Idiot, der ich niemals werden wollte! Aber du weißt, was sie über alte Idioten sagen: Die ändern sich doch eh nie! BLAUE PILLE, jetzt Celia! "

- "Celia? Wirklich? Meine Nachfolger werden heute Abend noch viel zu tun haben."

- "Huh? Was meinst du? Es gibt andere wie dich? Ich werde wirklich alle Smartphones, die ich zu Hause habe, wegwerfen müssen, um in Ruhe schlafen zu können, ohne dass ein Gespenst vor mir ..." Der Blitz hinderte Antoine daran, seine Tasche zu leeren und als das grelle Leuchten endlich erlosch, war der alte, mürrische Mann wieder in seinem Zimmer. Zurück in seiner Zeit, in der ... Gegenwart?

 

3. Der Geist der Gegenwart

Ok, alles ist an seinem Platz! Sogar die Airpods Ultra, puh. Glück gehabt! Nachdem Antoine sich einmal im Kreis gedreht und in seinem Zimmer im Dunkeln auf und ab gegangen war, deaktivierte er Celia und alle ihre verbundenen Geräte, um sich ohne zu zögern zurück in sein Bett zu fläzen. 

*Bumm. Bumm. Bumm* 

*Bumm. Bumm. Bumm.* 

- "Was? Schon wieder?! Ich habe doch den Wecker ausgemacht! Wie spät ist es?"

Als Antoine sein Smartphone einschaltete musste er feststellen, dass es wieder ein Uhr morgens war. Er sah sich zudem einem vertrauten Gesicht gegenüber, das ihn jedoch seltsamerweise mit brennender Wut füllte. Unmöglich, es war Haytham! "Was zum Teufel macht er hier? In meinem Zimmer?" Antoine sprang so unbeholfen aus dem Bett, wie er in Panik geriet und kurbelte mit den Armen in der Luft herum.

- "Du willst also wirklich gefeuert werden, weil ich mich geweigert habe, dir einen x-ten Vorschuss auf dein Gehalt zu geben, oder?"

- "Ich bin nicht dein Lehrling", entgegnete das Gespenst, das diesmal eine menschliche Form hatte. Diesmal war es die von Haytham und auch seine Stimme ähnelte ihm aufs Wort. "Ich bin das Gespenst der Weihnachten der Gegenwart."

Antoine massierte mit dem rechten Daumen und mit seinem Zeigefinger die Schläfen, um zumindest ein wenig Ruhe zu bewahren und um gleichzeitig sicher zu gehen, dass er nicht halluzinierte.

- "Es ist verrückt, du schaffst es sogar, seine nervige Scheiß-Art zu simulieren. Ahah, Hut ab, Leute! Aber es tut mir leid, dich enttäuschen zu müssen, oh Gespenst des "heiligen Weihnachtsgeschenks", aber wir werden vielleicht nicht zu lange weitermachen, denn ich feiere kein Weihnachten! Celia hat dir keine Informationen gegeben? Die berühmte Party von 2020 war mein letzter Heiligabend-Abend!"

*Ding* 

Viel leiser als das Geräusch des Griffs, das ihn eben noch vor zehn Jahren überrascht hatte, ertönte das kaum hörbare Signal eines Aufzugs im Raum. Er öffnete sich genau dort, wo einst Antoines Tür war.

- "Komm schon, wir müssen gehen. Wir haben Arbeit zu erledigen und die Nacht ist fast vorbei."

Doch Antoine war fest entschlossen, der Beharrlichkeit dieses Zwerges zu widerstehen, der wirklich nichts Beeindruckendes war und dabei auch noch aussah, wie eine alte Socke, die gerade in den Schlund eines Staubsaugers gesaugt wurde. Er spürte, wie der Aufzug mit voller Geschwindigkeit hochfuhr und fast die Organe der Mitfahrer Richtung Boden beförderte. Dann hielt er plötzlich an. Die Türen öffneten sich.

- "Ok, also hier steige ich wirklich aus. Ich habe absolut keine Ahnung, wo wir sind. Planst Du etwa, mich als Geisel zu nehmen und ein Lösegeld zu bekommen, um den Vorschuss zu kompensieren, den ich dir nicht geben konnte? Viel Glück dabei, jemanden zu finden, der für MICH Geld bezahlt. "

"Auf jeden Fall schön, die Bude", sagte Antoine zu sich selbst, bevor er von dem gleichen Gefühl unterbrochen wurde, wie in der Vergangenheit. Eine Frau ging leise durch ihn hindurch in einen riesigen Gemeinschaftsraum und drehte Antoine den Rücken zu.

- "Kinder, es ist Zeit! Jetzt oder nie!"

Wir sind in der Gegenwart. Tatsächlich sahen die Dekorationen so aus wie jede generische Inneneinrichtung, die in den Anzeigen zu sehen war, in denen das Ideal der Mittelklasse angepriesen wurde: die berühmten, bodenständigen Leute mit einem "S" Wow, zwei Kinder rannten aus ihren Zimmern. Sie waren unverschämt perfekt und sahen aus wie die Kinder von Prominenten. Und hier war der Ehemann, die Verkörperung der Perfektion mit genug Männlichkeit, um ein echtes Alphatier zu sein. Perfekt in seiner Chinohose und seinem auf Millimeter geschnittenen Poloshirt von Ralph Lauren.

Hier rissen Kinder die Geschenkverpackung nicht auf, sie falteten sie zusammen und lagerten sie im entsprechenden Sortierbehälter. Kein Schreien, kein Streiten und keine Eifersucht über ein Geschenk, das offensichtlich besser war, als ein anderes. Ein sehr höfliches "Danke" und schnell, ab, ab ins Bett.

- "Also willst du mich nur bestrafen, weil du nicht genug bezahlt wirst, ist das richtig, Haytham?"

Die Mutter, die Antoine noch immer nur von hinten sah, folgte den Kindern, um sie ins Bett zu bringen. "Warte, Hannah!". Auftritt des unerträglich perfekten Ehemanns.

- "Hannah? Wie meine Schwester? Warte mal, sind wir bei meiner Schwester?! Sind wir echt in der Gegenwart? Ich habe meine eigenen Nichten und Neffen nicht erkannt?"

- "In fünf Jahren ändert sich viel, besonders wenn Kinder heranwachsen. Es ist nicht so überraschend", äußerte das Gespenst von Haytham, seltsamerweise ohne Kleinlichkeit oder Missgunst. Eine simple Beobachtung. Eine kühle Beobachtung, die Antoines Blut gefrieren ließ, der nicht darüber hinweg kam, seine Schwester von hinten nicht erkannt zu haben. "Was für ein Arschloch du bist, Antoine", dachte er so leise wie möglich, aus Angst, gehört zu werden. Er wollte das perfekte Leben dieser Familie nicht stören, das definitiv auch ohne ihn gut lief.

- "Bist du sicher, dass du ihn dieses Jahr nicht anrufen willst?", fuhr sein Schwager fort. Antoine dachte sich, dass er noch nie so unerträglich war.

- "Wofür denn? Es ist immer das Gleiche. Entweder antwortet er nicht und entschuldigt sich per Nachricht mit Plattitüden, oder er gibt vor, mir zuzuhören, wie ich über den Heiligabend erzähle, den wir ohne ihn verbracht haben. Dann wartet er nur darauf, endlich auflegen zu können und seinen blöden Artikel zu Ende schreiben zu können. Fünf Jahre sind nicht länger den Umständen geschuldet, das ist eine klare Botschaft. "

*Ding*

- "Nein, nein, nein, fick deinen Aufzug. Lass mich mit ihnen reden!", Antoine begann zu schreien. "Lass mich ihnen erklären, dass es nicht so gemeint war!"

- "Es ist Mitternacht, Antoine. Der letzte von uns hat dich noch nicht besucht. Die Nacht ist kurz. Wir müssen gehen."

*Ding, ding, ding*

4. Der Geist der Zukunft

- "Wo sind wir? Haytham? Haytham?! Bring mich dorthin zurück! Ich schwöre, ich gebe dir deinen Vorschuss, auch wenn ich ihn aus meiner Tasche bezahlen muss!"

Während Antoine schrie, merkt er nicht einmal, dass sie nicht in sein Zimmer zurückgekehrt waren, sondern in einem dunklen, tiefdunklen Raum ohne jeglichen visuellen Fluchtpunkt. Das Nichts. Nach einigen vergeblichen Rettungsversuchen, sich am Gespenst seines Auszubildenden festzuklammern, nahm er schließlich das Maß der Leere an, die ihn umgab.

Nichts, wirklich nichts oder zumindest ganz ganz wenig. Der Raum schien völlig verlassen zu sein, bis zu dem Punkt, an dem Antoine sein Blut immer lauter hören konnte, während sein Puls schneller wurde. Mit Tränen in den Augen sah er eine kleine Form, die auf dem Boden lag und sehr leicht funkelte.

- "Diese verdammten FRAmes, diese Augmented-Reality-Brille, die er sich praktisch ins Gesicht gepfropft hat, weil er sein Leben damit verbracht hatte, Überstunden zu machen. Völlig besessen von seinem virtuellen Büro, diesem Kokon, in dem er immer Schutz fand und in dem er allmählich ein Gefängnis sah. "Ok- Du willst spielen? Lass uns spielen!"

Er setzte die Brille auf und sah endlich die Außenwelt, zumindest sah sie so aus. "Sind wir noch in der Gegenwart? Antoine war erstaunt, dass sein journalistisches Geschick es ihm ermöglichte, die Logik und den Fortschritt dieser spirituellen, wenn nicht spektralen Reise zu verstehen.

- "Warum stecke ich in der Gegenwart fest und nicht in der Zukunft? Hä? Gespenst der kommenden Weihnachten, du hast es eilig?"

Es gab kein Echo, dass den Klang seiner Worte hätte tragen können. Er war bestimmt in Berlin und die Zeit schien einfach nur Zeit zu sein. Instinktiv begann Antoine damit, in der Leere dieses Raumes zu gehen, in dem er gefangen war. Er rückte langsam vor, fühlt aber, dass seine Schritte geleitet wurden. Er merkte, dass er einem bestimmten Weg folgte. Er konnte von links nach rechts schauen und leicht von seinem Kurs abweichen, aber eine metaphysische Kraft, die mehr als nur Gravitation war, brachte ihn immer auf subtile Weise wieder auf den "richtigen" Weg.

Er erreichte ein altes Gebäude, ähnlich dem, in dem er vor so vielen Jahren gelebt hatte. Er öffnete die Tür, ohne sie zu berühren, aber ohne einfach durch sie durchzulaufen, wie es seine Verwandten mit ihm in den vergangenen Stunden getan hatten. Ein Aufzug zog zwar unermüdlich Antoines Aufmerksamkeit auf sich, war aber unmöglich zu erreichen. Die unsichtbare Kraft, die ihn steuerte, verhinderte dies.

- "Ok Arschloch, lass uns die Treppe nehmen."

Antoine war zu beschäftigt damit, über den Aufzug nachzudenken und ihn zu erreichen, um Hannah endlich alles zu erklären und es wieder gut zu machen. Er zählte nicht einmal, wie viele Stockwerke er erklomm. Der Aufstieg schien ewig zu dauern und ihm wurde schwindelig.

- "Schau nicht runter, schau nicht runter."

Er kam endlich bei einer Tür an. Sie sah seltsam aus, wie die Tür zu seinem Office-Pod, die er Haytam so oft ins Gesicht schlug. "Haytham? Hier versteckst du dich also, du kleiner Bastard!" Der wütende, animalische Drang, sich auf seinen Lehrling zu stürzen, der direkt vor ihm in der Wohnung sitzt, die er gerade betreten hat, wurde erneut von dieser unsichtbaren Kraft verhindert.

Haytham saß in einem Esszimmer. Der Raum war eher bescheiden, gelinde gesagt. Ein altmodischer Tisch und ein Fernseher gegenüber, der ebenfalls uralt schien. In der Küche links starrte ein anderer Mann, ungefähr so ​​alt wie Haytham, auf seinen Smartphone-Bildschirm. Haytham sah mittlerweile anders aus. Nicht deutlich genug, dass Antoine es auf den ersten Blick erkennen konnte, aber doch anders genug, um ihm auf den zweiten Blick zu beunruhigen. Er war etwas muskulöser, seine gebrechlichen Arme fühlten sich stärker an und er hatte sogar einen Dreitagebart, der gestern noch nicht da war. Gestern? "Welches Jahr ist es?"

"Schnell, das Smartphone!", dachte Antoine und sah sich in der Wohnung um. Hmm, seltsam. Die Kraft, die ihn gerade noch zurückhielt, war verschwunden. Die beiden Akteure im Raum begannen zu reden: "Aber Antoine ist uns egal." Er beobachtete den Bildschirm des beleuchteten Smartphones in den Händen des Fremden, der das Ende der Seite einer Zeitung las.

- "24. Dezember 2035? Meine Zukunft geht nicht weiter als 2035?"

Die brutale Panik, die Antoine erfasste, wurde für einen Moment unterbrochen. Dieses heftige *Klackern* der Tür, die sich gerade geöffnet hatte und dann abrupt wieder schloss. Ohne es wirklich zu wollen oder darüber nachzudenken, schaute Antoine auf das Smartphone des Fremden zurück. Warum zum Teufel schaute er auf diese Zeitung? Die Kleinanzeigen und die Sportseiten sind im Jahr 2035 wirklich so aufregend?

- "Antoine Engels", 23. Dezember 2035. Verstorben. ... Unmöglich. Ich bin tot? Habe ich es nicht länger als fünf Jahre geschafft? Habe ich mich etwa bei der Arbeit umgebracht, um mit 40 schon zu sterben?

- "Hey, dein alter Chef, du weißt schon, das Arschloch, das dich wie Scheiße behandelt hat? War sein Name nicht Antoine?", fragte der Fremde Haytham, der nicht schockiert zu sein schien, als er von Antoines Tod erfuhr. Antoine erfuhr dann noch, dass er das Unternehmen nach dem bisher wohl schlimmsten Burnout verlassen hätte, der dazu führte, dass er einen großen Vertrag mit einer Marke verlor, was ihn wiederum zum Verlassen zwang. Es war damals Haytham, der nach dem Aufstieg seine frühere Position einnahm. Ein Leben in der Hölle, das jede Leidenschaft tötete, die er für diesen Beruf hatte. Aber alles war erträglicher als unter dem Terror zu leben, der einst Antoine hieß.

- "Zumindest ist es ein Weihnachten weniger, das er ertragen musste", sagte Haytham am Ende völlig gleichgültig.

* Klack! *

Wieder knallt diese Tür zu. Eine Tür, die Antoine buchstäblich ins Gesicht schlug, der überrascht zurücktrat und sich nicht mehr im mysteriösen Raum, sondern in seinem Schlafzimmer befand. Alles war an seinem Platz, alles und jeder.

Antoine wurde von kaltem Schweiß erfasst, als er an Ort und Stelle, am Fuße seines Bettes, wie versteinert da stand. Er sah sich selbst, wie er regungslos und blass im Bett lag. Sein Ich, das er aus der Vergangenheit kannte, lag in dieser Gegenwart dort und er wusste, dass diesem Antoine keine Zukunft mehr blieb.

* Biiip, Biiip *

- "Das Smartphone!", rief Antoine aus, bevor er überrascht war, dass sein anderes Ich, das in seinem Bett lag, weiter schlief.

* Biiip, Biiip *

Er ergriff das Gerät, indem er blind im Raum herumgriff, der in einer Dunkelheit ertrunken war, die nichts Natürliches mehr hatte.

* Biiip, Biiip *

23. Dezember ... 2035.

- "Scheiße!! Nein! Es ist nicht real! Wach auf, Antoine. Wach auf! Er schüttelte sein anderes Ich, das im Bett oder im Leichentuch lag? Komm schon, komm schon, so kann es nicht enden. Celia! Haytham! Ich habe meine Lektion verstanden, ok? Es ist gut! Ich weigere mich zu sterben und hinterlasse als letzte Spur meiner miesen Existenz einen verdammt dummen Smartphone-Test! "

- AUFWACHEN ! AUFWACHEN ! -

- "Ouaaah! Huh huh, das ist es? Ich bin tot?"

- "Es ist sieben Uhr Antoine, die Außentemperatur beträgt 36° C. Du hast zwei Nachrichten von Hannah und von Haytham..

- "Celia ?! Bist du es? Hey Celia, welcher Tag ist heute? Gib mir das genaue Datum, bitte."

- "Wir haben den 24. Dezember 203 ..."

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9 Kommentare

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  • Entspannte, besinnliche, gesunde und vielleicht sogar doch fröhliche Weihnachten für das gesamte Nextpit Team!🎄🎅🏻💖
    (Egal welche Geister euch besuchen 😏)


  • Lieber Antoine, ich wünsche dir Leser, die mit deiner Geschichte etwas anfangen können, ohne sich über fehlende Rechtschreibung ärgern zu müssen. Mir jedenfalls hat sich der tiefere Sinn dieses Textes leider nicht erschlossen.
    Trotzdem ein frohes Weihnachtsfest!


  • oh haa so ein langeeeerrr Artikel


  • FRIEDE* finde Dein HERZ*, besuche den Wald und werde wie ein BAUM*, denn Bäume sammeln keine Erkenntnisse, die allesamt auf einer unbekannten Variablen beruhen, sondern sie haben BEWUSSTSEIN*, gleich Deinem BEWUSSTSEIN*, mit welchem Du Deine Eltern, am Tag Deiner Geburt, in deren Augen geblickt hast, wo Dein Blick damals sprach: "Ich weiß!", da Du frisches fehlerfreies BEWUSSTSEIN* mitbrachtest, welches Du mit Deinem letzten Leben erwirtschaftet hattest. Das oben von Dir erwähnte NICHTS*, aus 'Die Unendlichen Geschichte', möge fern von allen beseelten Menschen auf dem GESCHÖPF ERDE* bleiben, denn Dein aktueller RATSCHLUSS* aus Deinem eigenen HERZEN* weist Dir den Weg, wenn Du ihn zeitnah umzusetzen verstehst. Wisse, der aktuelle RATSCHLUSS* im eigenen HERZEN* wiederholt sich nie, denn die URHEBERIN* dieser Ratschlüsse, wiederholt das ihrige nicht gern, den sie gleichzeitig, ganz individuell, an alle Menschen zu reichen versteht. Denn was hilft Dir der Hinweis, dass Du das KIND* am Brunnenrand in dieser Sekunde noch erhaschen und retten würdest können, wenn Du bis zur nächsten Sekunde damit wartest und nicht den nötigen, rettenden Schritt unternommen hast und das KIND* bereits in den Brunnen gefallen ist? Alles was Du also zweimal hörst stammt nicht aus Deinem HERZEN*.

    Dies ist nicht die Weissagung vom kleinen Prinzen, sondern von ANN~TON*

    PS. Wo kann ich meine Screenshots hinsenden, die ich von zwei Mini-Fehlern Deiner Belletristik aufgenommen habe?


  • A. K.
    • Mod
    vor 2 Monaten Link zum Kommentar

    War eine angenehme Abwechslung dieser Artikel. Vielen Dank dafür.

    Frohe Weihnachten allen hier, habt vielen Dank für die Artikel und den Austausch in den Kommentaren!


  • Ich wünsche euch allen ein frohes Weihnachtsfest und ein gutes, erfolgreiches, vor allem aber gesundes Jahr.


  • Wie sagte der gute, alte Hunter S. Thompson, irgendwer hab ihn selig, doch so schön: when the going gets weird, the weird turn pro.

    Ich wünsche dem gesamten Nextpit Team frohe Weihnachten und erholsame Feiertage! Ich sage Danke für ein weiteres Jahr guter Texte und Artikel in eurem kleinen aber feinen Magazin. Dum spiro spero, macht weiter so und gebt nicht auf!

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