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OnePlus 9 (Pro): Potenzial durch Software eingeschränkt – aber warum?

OnePlus 9 (Pro): Potenzial durch Software eingeschränkt – aber warum?

OnePlus steht seit zwei Tagen am Pranger, da herauskam, dass der Hersteller das OnePlus 9 und das 9 Pro verlangsamt hat. Ziel war es offenbar, Benchmark-Ergebnisse zu manipulieren. Jetzt versucht sich der Hersteller dadurch rauszugeben, dass er den Akku der beiden Handy schonen wollte.

  • Ein Test des OnePlus 9 Pro zeigte eine Einschränkung der CPU-Leistung für einige Apps
  • OnePlus hat das Vorhandenseins eines Mechanismus bestätigt, der darauf abzielt, den Akku durch Optimierung der Leistung zu schonen
  • Diese Einschränkung betrifft 300 Anwendungen, nicht aber Grafik-Benchmarks oder einige Spiele
  • Geekbench 5 hat das OnePlus 9 und 9 Pro aus seinen Auflistungen entfernt und wirft OnePlus Benchmark-Manipulation vor

Aber das Wichtigste zuerst. Am 6. Juli hat die anerkannte, seriöse Technik-Fachseite Anandtech ernsthafte Verlangsamungen beim Test des OnePlus 9 Pro finden können.

In einem langen Artikel, der von Tests und numerischen Ergebnissen untermauert wird, demonstriert Anandtech, dass das OnePlus 9 Pro einige beliebte Apps wie Twitter oder Chrome auf eine Blacklist gesetzt hat, um die Leistung des Snapdragon 888 zu begrenzen, wenn diese ausgeführt werden.

Insbesondere schien das OnePlus 9 Pro den Cortex-X1-Kern zu deaktivieren, wenn die auf der schwarzen Liste stehenden Apps ausgeführt wurden. Das Smartphone drosselte aber in einigen Fällen auch die Cortex-A78-Kerne oder isolierte sogar die Arbeitslast auf die Cortex-A55-Kerne.

Dabei wurden die Workloads für diese Apps erheblich verlangsamt, und zwar in einer Größenordnung von 20% der Leistung, zu der das SoC laut den Tests unserer Brüder normalerweise fähig ist.

"Dies führte zu einigen wirklich seltsamen Benchmark-Ergebnissen, die das OnePlus 9 Pro als ein erschwingliches Smartphone aus den frühen 2010er Jahren mit schrecklicher Leistung darstellen", heißt es in der Untersuchung von Anandtech, die ich Euch echt ans Herz lege.

Am 7. Juli reagierte OnePlus mit einem Statement, in dem es erklärte, dass:

Unsere oberste Priorität ist es, mit unseren Produkten immer ein hervorragendes Benutzererlebnis zu bieten, was zum Teil darauf beruht, dass wir auf wichtiges Benutzerfeedback reagieren. Nach der Markteinführung des OnePlus 9 und 9 Pro im März haben uns Nutzer auf einige Bereiche hingewiesen, in denen wir die Akkulaufzeit und das Wärmemanagement der Geräte verbessern könnten. Als Ergebnis dieses Feedbacks hat unser F&E-Team in den letzten Monaten daran gearbeitet, die Leistung der Geräte bei der Verwendung von 300 der beliebtesten Apps, einschließlich Chrome, zu optimieren, indem die Prozessoranforderungen der App mit der am besten geeigneten Leistung abgestimmt werden.

OnePlus übernimmt Verantwortung für "Batterygate"

Isoliert man die eigentliche Botschaft von dieser Unternehmensneuigkeit, versteht man, dass es OnePlus nicht um Entschuldigung oder Eingeständnis geht. Der Hersteller gibt lediglich an, dass er die Leistung des OnePlus 9 und OnePlus 9 Pro für die Nutzung von 300 der beliebtesten Apps "optimiert" habe.

Laut OnePlus sei diese Maßnahme völlig freiwillig und werde vorausgesetzt, da sie darauf abzielt, den Akku seiner Telefone zu schonen und somit das Benutzererlebnis zu verbessern. Ein Argument, das an das von Apple erinnert, dessen Skandal im Jahr 2017 rund um das verlangsamte iPhone, genannt "Batterygate", jedoch ungleich schwerwiegendere Ausmaße hatte und dessen Auswirkungen bis heute zu spüren sind.

Die Haltung von OnePlus rief aber ebenfalls starke Reaktionen hervor. Einer der am häufigsten geäußerten Kritikpunkte ist, dass der Hersteller seinen Anwendern die Wahl hätte lassen sollen, diese Optimierung abzulehnen oder zumindest Ausnahmen setzen zu können.

Zumal genau das bei der Akku-Optimierungsfunktion in OxygenOS 11 bereits der Fall ist. Dieser Modus erlaubt es dem System Hintergrund-Apps aggressiver zu beenden. Dadurch sinkt der Energieverbrauch von Apps, die der Nutzer gar nicht so häufig nutzt.

oneplus 9 oxygenos 11 battery optimization exception
OnePlus hätte seine Nutzer warnen und ihnen die Wahl lassen sollen / © NextPit

Abseits der vielleicht wirklich positiven Absichten ist es bei OnePlus besonders kritisch. Denn schließlich zielt JEDES Marketing und der ganze Markenkern auf der Transparenz gegenüber der Community. Daher ist es wirklich enttäuschend, dass OnePlus nur nach einem gewissen Zwang über diese Thematik redet.

Versuch, bei den Benchmarks zu schummeln?

Kommen wir zum anderen großen und vielleicht wichtigsten Kritikpunkt, der durch die Untersuchung von Anandtech aufgeworfen wurde: OnePlus gab an, dass die Optimierung 300 der beliebtesten Android-Anwendungen betraf, darunter Google Chrome.

Das Problem ist, dass die Leistung bei Benchmarks und weniger bekannten Apps normal ist und von der vollen Leistung des Snapdragon 888 zu profitieren scheint.

"Was hier offensichtlich ist, ist, dass es sich nicht um einen Mechanismus handelt, der nur für eine Handvoll Apps gilt, sondern für praktisch alles, was im Play Store einen gewissen Bekanntheitsgrad hat. Einschließlich Googles gesamter App-Suite, allen Office-Apps von Microsoft, allen beliebten Social-Media-Apps und allen beliebten Browsern wie Firefox, Samsung Internet oder Microsoft Edge", heißt es im Anandtech-Artikel.

oneplus performance throttle
Die unbekannte Anwendung ist von der Leistungsbegrenzung nicht betroffen / © Anandtech

Und das Medienunternehmen fährt fort, dass "die einzigen Apps, die bei der Erkennung merklich fehlten, einige der beliebtesten Spiele waren. Während Mobile Games wie Candy Crush in Bezug auf die Leistung eingeschränkt waren, war dies bei Genshin Impact nicht der Fall. Natürlich wurden neben Spielen auch keine Benchmark-Anwendungen erkannt."

Zu Genshin Impact ist anzumerken, dass es ein sehr anspruchsvolles Spiel für das SoC ist und sich sehr auf die Grafik und deren Flüssigkeit konzentriert. Candy Crush ist unterdessen ein Titel, der auf einem Alcatel OneTouch von 2014 problemlos laufen würde. Man könnte sagen, dass OnePlus es vorzieht, Candy Crush zu drosseln, da sich die Drosselung weniger auf das Spielerlebnis auswirkt als bei Genshin. Man könnte aber auch sagen, dass OnePlus diese Wahl getroffen hat, weil das Throttling auf diese Weise weniger auffällig wäre.

Geekbench, einer der von Testern am meisten genutzten Benchmarks, dessen Ergebnisse aber auch für Hersteller und deren Marketing-Elemente wichtig sind, hat das OnePlus 9 und OnePlus 9 Pro aus seinen Listen entfernt und betrachtet das Vorgehen des Herstellers als "eine Form der Benchmark-Manipulation".

Das Unternehmen sagte weiter, dass es seine eigenen Labortests durchführen würde, um zu sehen, ob andere OnePlus-Modelle "die Leistung auf die gleiche Weise manipulieren."

Fazit

Abschließend können wir nur mit Sicherheit sagen, dass diese Verlangsamungen beabsichtigt waren und OnePlus die Verantwortung dafür übernimmt. Was die Absichten des Herstellers betrifft, so hängt es von der Beziehung ab, die man mit der Marke hat.

Tatsächlich ist die logische Folge jeder Verlangsamung normalerweise ein reduzierter Ressourcenverbrauch. In diesem Punkt gilt das Argument der Batterieoptimierung. Und als Techie, der OnePlus schätzt, kann ich das akzeptieren.

Aber warum wird dieser Mechanismus dann nur bei einigen Anwendungen angewendet und bei anderen nicht? Und vor allem, warum sollte man es nicht auf Benchmarks anwenden? Wenn das OnePlus 9 Pro im Geekbench 5 die ganze Leistung des Snapdragon ausspuckt, aber im realen Einsatz und bei den Anwendungen, die wir täglich am meisten nutzen, eingeschränkt ist, ist das ein irreführendes Verhalten für den Verbraucher.

Wenn wir schließlich auf die obige Aussage von OnePlus zurückgehen, können wir lesen, dass diese "Optimierung" der Leistung nach dem Launch des OnePlus 9 und 9 Pro über ein Post-Launch-Update betrieben worden wäre. Wie unsere Kollegen von XDA Developers jedoch festgestellt haben, deuten mehrere Tests, die unter Embargo (und damit vor dem Launch) durchgeführt wurden, darauf hin, dass die Verlangsamung bereits zu diesem Zeitpunkt festgestellt wurde.

Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Android-Hersteller bei Benchmarks schummelt. OnePlus wurde bereits mit dem OnePlus 5 im Jahr 2017 festgenagelt, aber auch Xiaomi, Samsung oder Huawei haben sich in der Vergangenheit dieser Sünde schuldig gemacht.

Bleibt nur noch abzuwarten, ob OnePlus hartnäckig bleibt und diesen schlechten Publicity-Stunt absegnet oder ob wir mit einem OxygenOS-Patch verwöhnt werden, der "einen bekannten Fehler behebt und die Leistung verbessert."

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2 Kommentare

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  • Laazaruslong vor 4 Monaten Link zum Kommentar

    😂 Wo wird denn geschummelt wenn zum Benchmark die normale Leistung zur Verfügung steht? Welche der 300 Anwendungen können denn überhaupt 100% Leistung des SD888 abrufen? Dieser HöherWeiterSchneller Wahnsinn nimmt immer skurilere Formen an. Ich find's drollig.


    • Tim vor 4 Monaten Link zum Kommentar

      Weil diese Leistung eben nur in solchen Apps nutzbar ist.
      Wenn man wegen Hitzeproblemen oder was auch immer in vielen Apps die Leistung drosseln, dann aber in Benchmarks plötzlich doch die volle Leistung nutzbar ist, ist das genau das gleiche wie Hersteller, die den Prozessor in Benchmarks leicht übertakten oder so.

      Samsung, Huawei und Co. wurden für ähnliche Aktionen kritisiert, also auch OnePlus. Ist nur fair.